Introvertiertheit akzeptieren und mit ihr leben

Introvertiert sein ist nicht einfach. Extrovertiert sein auch nicht. Sind wir uns alle einig, dass das Leben generell kein Kindergeburtstag ist?

Ein schlechtes Beispiel, denn auch Kindergeburtstage sind für Introvertierte eine Herausforderung.

Aber sicherlich wissen wir alle: Jede Eigenschaft und jedes Persönlichkeitsmerkmal kann das Leben erschweren. Nur muss das bei Introversion überhaupt nicht der Fall sein.

Introvertierte Alltagsprobleme – was tun?

Wer introvertiert in einer extravertierten Welt ist, der fühlt sich oft fehl  am Platz. Alle schreien und feiern und balzen und gockeln? Befremdlich. Alle diskutieren ruhig und tauschen Gedanken aus und überlegen bevor sie sprechen und gehen pünktlich nach Hause? Der Hammer.

Das Problem ist, dass das zweite Beispiel sehr viel seltener zu finden ist. Selbstdarstellung gehört zum Grundwerk erfolgreicher Menschen – manchmal wirklich und manchmal nur bei Marketing-Gurus. Dafür muss man laut sein, denn man will gehört werden.

Was machen nun die Introvertierten, die in einem Job arbeiten, in dem sie der Extraversion nicht entkommen können? Mein erster Reflex ist: Such dir einen anderen Job! Aber ich möchte hier nicht von mir auf andere schließen.

Also muss der Tipp lauten: Wenn du deinen Job liebst, lerne, mit deiner Introversion umzugehen. Gleiches gilt für das Leben mit einem extravertierten Partner oder mit lauten Freunden – ihr müsst das nicht aufgeben, aber ihr dürft euch und ihnen auch nichts vormachen.

Eine Lösung für unsere Herausforderung können sogenannte Regenerationsnischen sein. Was das ist? Ich bin froh, dass du fragst.

Was sind Regenerationsnischen?

Regenerationsnischen sind Pausen oder Orte (oder beides), die für Introvertierte als Energie-Tankstellen fungieren. Ja, Tankstellen. Unsere Energie nimmt im Umgang mit vielen oder fremden Menschen ab. Wenn wir diese Situationen regelmäßig aushalten müssen, dann müssen wir ein Gegengewicht finden.

Die Idee kommt nicht von mir, ich habe sie aus dem Buch Still von Susan Cain übernommen, die sich wiederum auf Professor Little beruft. Dieser charismatische und beliebte Professor hat sich vor Mittagspausen mit seinen Kollegen gedrückt, weil er an einem hektischen Tag lieber einen Sparziergang am Wasser gemacht hat.

Er dachte sich eine Ausrede aus, anstatt die Wahrheit zu sagen. Meist führt Ehrlichkeit nämlich leider dazu, dass man mit Anlauf auf den Schlips seines Gegenübers springt.

Magst du mich nicht? Läufst du vor mir weg? Nicht mal Essen gehen, was ist denn dein Problem?

Solche und ähnliche Sätze entstehen, wenn Menschen Introversion nicht verstehen. Daher kann eine Notlüge hilfreich sein, um ungestört in die Regenerationsnische zu gelangen.

was sind regenerationsnischen

Wie können Regenerationsnischen aussehen?

Für Professor Little war es der ruhige Spaziergang oder die Parkbank am Wasser ohne Menschen. Für andere ist es die Mittagspause in einem Café fernab des Arbeitsplatzes. Auch die Arbeit selbst kann als Regenerationsnische genutzt werden – Home Office ist beispielsweise ein Weg, um den Stress zu reduzieren.

Viele von uns schaffen sich wahrscheinlich schon lange unbewusst solche Pausen und Räume. Beispielsweise bin ich häufig zwischen zwei Vorlesungen oder Seminaren nach Hause gefahren anstatt die Zeit in der Stadt oder der Mensa zu verbummeln.

Für meine Freunde total komisch, für mich eine Möglichkeit, ein Stündchen Ruhe zu bekommen und Kraft zu tanken.

Heutzutage bin ich Freiberuflerin und muss viel seltener feste Termine und Treffen einhalten. Wenn es dann doch mal sein muss, hilft mir Planung. Dazu gehört, dass ich wissen muss, wie lange ein Treffen oder Ereignis ungefähr dauern wird. So weiß ich, wann ich meine nächste Pause bekomme. Vielleicht schiebe ich auch vorher eine ruhige Kugel, um nicht überfordert zu sein.

Regenrationsnischen können aber auch laut und farbenfroh daherkommen. Die Musik im Auto voll aufdrehen oder ins Fitnessstudio gehen kann genauso gut funktionieren wie eine Tasse Tee und ein gutes Buch.

Jeder muss für sich herausfinden, wie er den Ausgleich zwischen sozialem Stress und persönlicher Erholung findet. Wichtig ist, dass wir uns dafür nicht schämen.

Zwischenfrage: Wie sehen eure Pausen aus? Legt ihr sie bewusst ein oder habt ihr euch einfach angewöhnt, sie in euren Alltag einzubauen?

Regenerationsnischen auf Reisen

Zu Hause lässt sich der Alltag recht einfach strukturieren (, sagte die Single-Frau ohne Kinder oder andere schwerwiegende Verpflichtungen) und somit kontrollieren. Man kann seine Nischen für die Regeneration einplanen, jeden Tag, jedes Wochenende oder immer an einem bestimmten Ort.

Diesen Luxus haben wir auf Reisen nicht. Das macht die Sache etwas komplizierter. Und mit „etwas“ meine ich „richtig, verdammt doll, viel“.

Oft weiß man nicht, wann man ist, wo man ist oder wie man ist.* Wir sind abhängig von Flügen, Zügen und Bahnverbindungen, die wir nicht unbedingt täglich nutzen. Menschen kommen auf uns zu, wir gehen auf sie zu, Pläne werden über den Haufen geworfen.

Schnell gerät man in einen Strudel aus Stress und Hyperaktivität, der alles andere als gesund ist.

Also müssen wir ehrlich mit uns sein und auch am anderen Ende der Welt sagen: Halt Stopp, jetzt brauche ich meine Pause.

Einige Vorschläge für Regenerationsnischen auf Reisen:

– nach vielen Hostel-Aufenthalten** mal für ein paar Nächte ein Einzelzimmer buchen

– pünktlich ins Bett gehen

– einen Tag lang rumsitzen und „nichts“ tun (ihr seid halt immer noch auf Reisen, erlaubt euch, einfach zu genießen)

– ein Buch in einem Zug durchlesen (also nicht in einem Zug sitzend, sondern von Anfang bis Ende in wenigen Stunden)

– Netflix schauen

– eine Decke schnappen und ein Nickerchen unter freiem Himmel machen

– Joggen gehen (kann ich persönlich nicht empfehlen, weil noch nie ausprobiert)

Aber auch hier gilt: Eure Energie-Tankstelle sieht anders aus als meine oder die von anderen Introvertierten. Ich sage euch daher nicht, wie ihr es machen müsst, ich bitte euch nur, dass ihr euch Zeit nehmt.

Besonders im Urlaub ist es schwer, sich nicht von dem Druck drängen zu lassen, ständig etwas erleben zu müssen. Die Zeit muss sich doch lohnen!

Ja, stimmt. Aber wir brennen  noch schneller aus als andere Menschen und wenn wir am Ende eines jeden Tages völlig erschöpft sind, fehlt uns vielleicht die Kapazität, um alles richtig zu genießen und in Erinnerung zu behalten

*Ausgenommen sind Club-Urlaube oder Kreuzfahrtreisen, bei denen die Planung praktisch schon eingebaut oder überhaupt nicht erwünscht ist.

**Meinen Beitrag zum Hostel Horror für Introvertierte findet ihr hier: 7 Tipps Introvertierte in Hostels

besondere bedürfnisse von introvertierten

Introvertierte brauchen Pausen

Andere fahren bis der Tank leer ist und hoffen, dass alles gut geht. Sollen sie gerne machen, aber wir fahren rechtzeitig rechts ran und checken Energiereserven, Öl und Bremsen. So geht es uns besser und manchmal hilft es, das laut auszusprechen.

Ich kann euch nicht garantieren, dass jeder Mensch, den ihr trefft oder mit dem ihr reist, verstehen wird, warum ihr Regenerationsnischen braucht, aber versucht trotzdem, es ihnen zu erklären – zumindest, wenn sie zuhören wollen oder ihr längere Zeit mit ihnen zu tun haben werdet.

Hin und wieder wird man nämlich überrascht und hört plötzlich: Ach was, so geht es mir auch!

Und das ist ehrlich gesagt ein ziemlich cooles Gefühl.

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