Introvertiert? Lies sofort Still von Susan Cain (Buchempfehlung)!

Spoiler-Alarm: Ihr müsst dieses Buch lesen. Zu 100% müsst ihr es lesen, wenn ihr introvertiert seid. Zu immerhin 90%, wenn ihr manchmal das Gefühl habt, nicht am rechten Fleck in unserer Gesellschaft zu sein. Und selbst von den Extrovertierten unter euch (Hi!) sollten noch mindestens 50% Still lesen und von Susan Cain lernen.

In den folgenden Kapiteln stelle ich die wichtigsten Erkenntnisse des Buches heraus. Falls ihr das Buch dann kaufen wollt, könnt ihr gerne diesen Link benutzen „Susan Cain: Still. Die Kraft der Introvertierten“ und ich erhalte von Amazon (für euch bleibt der Preis gleich, keine Sorge) eine kleine Provision. Ich bin aber auch zufrieden, wenn ihr das Buch im Laden um die Ecke kauft oder nur ausleiht. Hauptsache, ihr lest es.

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Der persönliche Touch

Ein Buch, das gleich zu Beginn Rosa Parks als Paradebeispiel für die eigene Prämisse wählt, setzt die Messlatte für sich selbst ziemlich weit oben an. Auch die weiteren Beispiele wie Sir Isaac Newton, Steven Spielberg oder J.K. Rowling strotzen nicht gerade vor Zurückhaltung.

Aber Susan Cain liefert von der ersten bis zur letzten Seite, was sie verspricht. Dazu gehört, dass sie selbst introvertiert ist und am eigenen Leib erfahren musste, wie es ist, nicht zu seiner Introversion zu stehen.

Als Juristin war sie gezwungen vor Leute zu sprechen und ihre Klienten laut und deutlich vor anderen zu verteidigen – das lag ihr so gar nicht. Sich für ein Thema zu interessieren reicht nicht, wenn man die Arbeit trotzdem in einer Umgebung verrichten muss, die einem widerspricht.

Daher wissen wir von Anfang an, dass Susan Cain keine simplen „Geh einfach mehr aus dir raus und verlasse deine Komfortzone“ – Sprüche bringen wird. Auch verlässt sie sich nicht nur auf ihre eigenen Beispiele – ein Fehler, der ihr durchaus hätte passieren können bei einem so persönlichen Thema – sondern spricht auch über die vielen Menschen, die sie über die Jahre hinweg beraten und interviewt hat. Somit hebt sie das Thema einerseits von sich selbst ab, schafft es letztlich aber auch, es auf die gesamte Gesellschaft zu beziehen.

Dafür sind natürlich wissenschaftliche Forschungsergebnisse notwendig, die Cain liefert. Sie gibt zu, selbst keine Expertin für Neurowissenschaften zu sein, hat sich aber die entsprechende Hilfe geholt, um Ergebnisse einzuordnen.

Was liest man eigentlich?

Doch wieso muss man das Buch nun lesen? Ganz einfach, mit jeder Seite schafft Cain es, ein Gefühl von Erkenntnis zu schaffen. Selbst für mich – die schon seit Jahren bekennend introvertiert ist und ihr Verhalten häufig und intensiv reflektiert – war es ein Genuss zu lesen, dass es anderen auch so geht und vor allem, dass es wissenschaftliche Gründe für Introversion gibt.

Ich habe noch nie von einer introvertierten Person gehört, die ohne Selbstzweifel durch die Welt geht. Wir alle fragen uns, manche häufiger als andere, ob wir mit unserer stillen und nach innen gekehrten Art, in dieser Welt überhaupt eine Chance haben.

susan cain review

Die historischen Begebenheiten, die Extrovertierten zu Ruhm verhalfen

Bevor man verstehen kann, in welchem Verhältnis man zur Gesellschaft steht, muss man die Gesellschaft selbst verstehen. Vor 1900 standen Moral und ein bescheidenes Leben für viele Menschen an oberster Stelle – wie gut sie es wirklich praktizierten, sei mal dahingestellt. Doch für die Gesellschaft war löbliches und moralisches Verhalten bewundernswert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hingegen, begann eine Zeit, in der wir uns weniger der eigenen Moral und mehr der Wahrnehmung durch unsere Umwelt widmeten. Heute ist es doch selbstverständlich, dass wir uns teurer verkaufen, als wir sind – fake it till you make it. In der Schule kamen auch immer schon die durch, die viel redeten, aber wenig sagten, nicht wahr?

Tja, dieser Trend entstand wie gesagt erst im 20. Jahrhundert. Introvertiertheit wurde nach und nach als Schwäche begriffen. Es wurde geradezu mit den Ängsten der Menschen gespielt – lerne dich anzupassen und gut zu verkaufen oder werde abgehängt.

Dieser einseitige Trend wurde letztlich auch in die Schulen getragen. In den 1950er Jahren gab es Elterngespräche, in denen man den Eltern Hilfe anbot, um die „lebensfernen Abnormalitäten“ zu beseitigen. Mit anderer Worten: Ihr Kind ist zu still, das ist nicht gesund.

Extraversion ist gut, sie ist kraftvoll

Wir leben mittlerweile in einer Kultur, die gar nicht mehr explizit gegen Introversion hetzen muss. In jeder Faser unserer Gesellschaft steckt schon die Prämisse: Verkauf dich gut oder bleib zurück. Also in meinem Zeugnis stand jedes Jahr dasselbe: Muss sich mehr am Unterricht beteiligen.

Eine vermeidlich positive Nachricht, nicht wahr? Man möchte dem Heranwachsenden helfen, sich zu verbessern. Deshalb propagiert man auch nicht das, was häufig hinter falscher Extraversion steckt: Arroganz und Rücksichtslosigkeit.

Weder Susan Cain noch ich behaupten, dass alle extravertierten arrogant oder rücksichtslos sein. Ganz im Gegenteil, viele sind sehr, sehr gesellig und hilfsbereit. Trotzdem wird in westlichen Kulturen das Überleben des Stärkeren noch intensiv praktiziert.

Cain beschreibt in Still den Besuch eines Tony Robbins Seminars. Wer Tony Robbins nicht kennt: Er ist für viele der Selbsthilfe-Guru schlechthin. Hunderte Menschen jubeln ihm bei seinen Seminaren zu und zahlen viel Geld, um sich von ihm das Leben verbessern zu lassen.

Bei diesen Seminaren geht es darum, aus sich heraus zu gehen und alles möglich zu machen, was man sich nur erträumt.  Wie das geht? Mehr Kontakt zu Menschen, mehr reden, mehr Überzeugung zeigen. Dafür muss man im Seminar Fremden Menschen überzeugt von sich selbst erzählen, laut mitrufen und klatschen.

Was fehlt dabei? Na zunächst einmal ein echter Anspruch an Selbstverbesserung. Es geht nicht darum, bewusster zu leben, mehr Gutes zu tun oder bessere Ergebnisse zu liefern. Man braucht überhaupt nichts zu ändern als seine Einstellung.

Da spielt auch das nächste Beispiel mit rein, das Cain anführt: Studenten der Havard Business School werden immer wieder dazu angehalten, sich in Seminaren und Vorlesungen zu beteiligen, egal, ob sie einen wertvollen Beitrag leisten oder nicht. Es geht um das Reden, nicht darum, etwas zu sagen. Für jeden Introvertierten die Hölle. Es ist wie Smalltalk mit hunderten Menschen auf einmal. Schlimmer noch: Es wird offen propagiert, dass man alles mit 100%iger Sicherheit vortragen soll – egal wie sicher man in Wirklichkeit ist. In Zeiten der Fake News und des Populismus ist das besonders prekär.

Die Besonderheiten der Introvertierten

Bevor ich hier denselben Fehler mache und nur über Extraversion spreche, widme ich mich nun dem Teil, der erklärt, warum Introvertierte so sind, wie sie sind. Wir ticken nicht nur anders, wir funktionieren auch anders.

Studien bei Säuglingen zeigen, dass wir schon kurz nach der Geburt unterschiedlich auf unsere Umgebung reagieren. Setzt man Säuglinge Reizen aus (Licht, Lärm, etc.) dann fangen einige an zu schreien oder zu strampeln, während andere kaum eine Reaktion zeigen.

In vielen Fällen wachsen die reaktiven Kinder zu introvertierten Jugendlichen und Erwachsenen heran. Dahinter steckt, dass wir Introvertierten auf Reize von außen anders reagieren als unsere extravertierten Mitmenschen.

Das führt zu mehr Aufmerksamkeit aber auch zu mehr Stress. Denn unsere Gehirne filtern Reize und Informationen weniger und somit ist für uns das Leben mit vielen Reizen – durch Umwelteinflüsse und Menschen – einfach anstrengender.

Ich gehe darauf an dieser Stelle nicht weiter ein, ihr sollt das Buch ja noch lesen, aber trotzdem muss diese Nachricht hängen bleiben: Der Stress und die Überforderung, die wir häufig spüren, wenn wir uns in soziale Situationen zwingen, sind genetisch bedingt.

Sensibilität

Auch die Hypersensibilität (oder Hochsensibilität), die nicht ausschließlich aber häufiger bei Introvertierten auftritt, wird im Buch behandelt. Aber hat euch schon mal jemand gesagt, dass ihr mehr fühlt als andere, tiefer in Themen und Probleme eintaucht oder es toll ist, wie schreckhaft ihr seid?

Nein, Formulierungen zu hochsensiblen Verhaltensweisen klingen eher wie folgt: Sei doch nicht so empfindlich. So schlimm war es doch gar nicht. Mach dir nicht so einen Kopf.

Tatsächlich sind diese Merkmale für unser Zusammenleben und Überleben sehr wichtig. Mehr nachzudenken bedeutet, nicht das Mammut von vorne anzugreifen und zu sterben. Demut und Verletzlichkeit zu zeigen, beweist Lernwilligkeit und Kompromissbereitschaft. Intensives Arbeiten ermöglichte einige der größten Errungenschaften der modernen Welt.

Wer Cain’s Buch liest, versteht das noch viel besser. Umso wichtiger ist es, dass ich langsam zum Ende komme, damit ihr geht und das Buch kauft.

Regenerationsnischen und Bewältigungsstrategien

Das Buch endet nicht mehr der Erkenntnis, dass Introvertierte schon immer überlegen waren und die Zukunft für uns rosig aussieht. Nein, eigentlich hat Still nicht viel zu bieten, was Hoffnung für unsere Gesamtgesellschaft bietet.

Viel mehr geht es darum, dass wir anfangen, unsere Introversion zu akzeptieren und zu pflegen. Die Stärken, die durch unsere ruhige und tiefgründige Art entstehen, müssen gefördert werden – leider müssen wir das selbst übernehmen.

Deshalb mag ich die Formulierung Introvertiertheit überwinden nicht. Es gibt da nichts zu überwinden. Das sagt übrigens auch die Forschung: Wir werden als bestimmter Typ geboren. Wir können zwar durch Verhalten und Wiederholung einige Aspekte unserer Persönlichkeit verändern, aber letztlich sind unsere körperlichen Reaktionen auf die Umwelt verankert.

Wenn wir in einer extravertierten Welt Erfolg haben wollen, dann müssen wir uns gelegentlich anpassen. Dafür gibt es beispielsweise sogenannte Regenerationsnischen. Für manche ist eine solche Nische eine längere Mittagspause in einem ruhigen Kaffee. Für andere das Wochenende in der Natur. Wie viel Regeneration wir brauchen und wie wir sie gestalten, ist höchst individuell. Ziel ist es, die erschöpften Energiereserven aufzufüllen.

Warum sollte ich Still – Die Kraft der Introvertierten lesen?

Weil neben den vielen Erkenntnissen, die jeden introvertierten Leser persönlich betreffen, auch eine wichtige Nachricht am Ende steht, die gar nicht immer explizit formuliert wird: Unsere Welt wird genormt, während wir alle weiterhin höchst verschieden sind.

Das führt zu Problemen – je eher wir erkennen, dass wir uns nicht in das fehlerhafte gesellschaftliche Konzept zwängen müssen, umso eher können wir lernen, mit unseren Eigenheiten zufriedener zu sein. Das Buch ist dabei für jedes Level geeignet. Vermutest du gerade erst, dass du introvertiert bist? Lies es. Weißt du bereits, dass du introvertiert bist und wüsstest gerne, woher das kommt? Lies es. Stehst du schon voll im Thema, liest Blog-Beiträge und tauscht dich mit anderen aus? Lies es.

Wenn ihr durch mein Review auf das Buch gestoßen seid, könnt ihr es gerne über den folgenden Link bestellen, dann erhalte ich eine kleine Provision (für euch wird es aber nicht teurer): Still (Taschenbuch) auf Amazon. 

Vielen Dank für die kleine Unterstützung 🙂

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Wollt ihr lieber den Buchladen um die Ecke unterstützen ist das auch voll in Ordnung. Hauptsache ihr wisst, dass dieses Buch eure Sicht auf die Welt in weniger als 400 Seiten verändern kann – also worauf wartet ihr noch?

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