Beliebt sein: Was heißt das eigentlich?

Angeblich will jeder beliebt sein. So sagt es gleich eines der ersten Ergebnisse bei Google. Was mir die Erfahrung mit Introvertierten aller Art sagt: Nein, nicht jeder will beliebt sein. Denn beliebt sein, heißt vielleicht in seiner Grundidee, dass man einfach nur von anderen geschätzt wird – und da gehe ich mit, dass das wohl fast jeder möchte –, aber wenn wir darüber sprechen, dass jemand beliebt ist, dann geht es nicht um ein, zwei sehr gute Freunde oder um die Familie.

Wer als beliebt gilt, der hat eine gewisse Anziehungskraft, die auf viele Menschen wirkt. Beliebt sein, in seiner alltäglichen sprachlichen Verwendung meint, dass jemand von vielen Menschen geschätzt wird.

Und das will nun wirklich nicht jeder. Unter anderem wegen der negativen Folgen, die ich später noch mal besprechen werde.

Geschätzt zu werden, ist ein Grundbedürfnis

Aber bleiben wir erst einmal bei dem Teil, der wohl wirklich viele Menschen betrifft: von anderen geschätzt werden. Das kann man meiner Meinung nach problemlos als Grundbedürfnis bezeichnen. Ja, ja ich weiß, es gibt auch absolute Einzelgänger. Doch die meisten Menschen, die nicht komplett aus der Gesellschaft aussteigen, finden es schön und wichtig, andere Menschen zu kennen, zu denen sie auch eine bedeutende Beziehung haben. Das ist oft nur möglich, wenn man das Gefühl hat, geschätzt und anerkannt zu werden.

Das fühlt sich gut an. Das gibt Sicherheit. Das ist gesund.

Nur ist es eben nicht allen vergönnt. Je spezieller man ist, umso niedriger sind die Chancen, Gleichgesinnte zu finden, die ähnlich ticken. Klar können wir auch bei Menschen beliebt sein, die total anders sind – nur die Chancen sind deutlich geringer. Eine gewisse Verbundenheit ist fast immer die Grundlage einer tieferen Beziehung. Um bei anderen Eindruck zu hinterlassen und von ihnen als wichtig wahrgenommen zu werden, muss irgendein Anschluss gefunden werden.

Das ist nun mal schwerer, wenn man nicht normal ist.

Wichtig: Ich sage nicht, dass „normal“ gut oder schlecht ist. Es ist eben: die Norm. Je weiter man von sozialen Normen abweicht, umso kleiner wird der Kreis der Menschen, die einem ähnlich sind. Also verringern sich auch die Chancen, beliebt zu sein.

Und ganz oft sagen wir uns gegenseitig: Ist doch egal, was andere denken! Du darfst dir deshalb keinen Kopf machen!

Und ganz oft zeigen wir uns gegenseitig: Nur wer mit dem Strom schwimmt, kommt in den Genuss von Anerkennung.

beliebt werden

Was macht beliebt oder unbeliebt?

Gegen Beliebtheit spricht es, wenn man eine unumstößliche Meinung bei moralischen Fragen hat, wenn man sich für Dinge interessiert, die den Massengeschmack nicht treffen, wenn man klare Grenzen setzt und auch bereit ist, Menschen vor den Kopf zu stoßen.

Bestimmte andere Eigenschaften und Verhaltensweisen helfen enorm dabei, beliebt zu sein. Viel lächeln, hilfsbereit sein, ein guter Zuhörer sein, aber gleichzeitig auch selbst interessant sein – durch den Job, das Auftreten, das Einkommen, das Aussehen oder auch den Humor. Um bei vielen Menschen gut anzukommen, muss man leicht verträglich sein. Mit Ecken und Kanten und Abgründen beliebt zu werden, ist vielleicht nicht unmöglich, aber ziemlich schwer. Wer eine Arschgeige und gleichzeitig beliebt sein will, der muss ein guter Selbstdarsteller sein oder attraktiv oder reich oder alles auf einmal. Naja, oder sich einfach mit Ja-Sagern umgeben.

Ich glaube, einige Menschen sind von Natur aus besser für Beliebtheit geeignet. Sie wollen ständig helfen, zuhören, nett sein, für jeden Verständnis haben oder haben einfach ein schwer zu beschreibendes Charisma.

Aber wer das nicht von Natur aus so drin hat, der muss sich eben anstrengen – und sich fragen, ob es das wert ist.

Soll heißen: Natürlich können wir alle beliebter werden.

Alle? Da werden einige widersprechen wollen.

Doch Achtung: Ich sage nicht, dass es für alle gleich leicht wäre. Ich sage, jeder könnte, wenn er wollte, die Dinge tun, die Beliebtheit wahrscheinlicher machen.

Lächeln, Hilfe anbieten, gut zuhören, auf andere zugehen, über Fehler bei anderen hinwegsehen, das Leben nicht zu ernst nehmen.

Das kann man sich aneignen, wenn man möchte.

Man muss aber nicht.

Sollten wir beliebter werden?

Das Problem ist, dass wir oft im Zwiespalt leben – wir wollen wir selbst sein und authentisch bleiben, aber wir wollen auch bei anderen gut ankommen. Oder immerhin wollen wir nicht abgelehnt werden. Kein Wunder, dass bei der Suche nach der Frage „Was heißt eigentlich beliebt sein?“ auch diese verwandten Fragen auftauchen: Wie komme ich bei Jungs gut an? Wie werde ich bei Mädchen beliebt?

Das sind Fragen junger Menschen, aber mit steigendem Alter wird daraus einfach: Wie finde ich einen Partner? Wieso kommen andere Männer bzw. Frauen so viel besser bei anderen an als ich? Oder auch: Wie kann ich als Erwachsener Freunde finden?

Es gibt unfassbar viele Menschen, die – manchmal laut, manchmal leise – davon träumen, berühmt zu sein. Ein Hollywood Schauspieler, ein Rockstar, ein beliebter Twitch Streamer, ein anerkannter Maler, … dahinter steckt oft der Gedanke, wer berühmt ist, der ist auch beliebt. Aber das ist sehr oft oberflächliche Beliebtheit – und wenn man sich die vielen tragischen Geschichten reicher und berühmter Menschen so anschaut, dann wollen die wahrscheinlich in Wahrheit eigentlich auch tiefe Verbundenheit spüren.

Aber manchmal ist es tatsächlich einfacher, berühmt zu werden, als bei den richtigen Menschen beliebt zu sein.

Da kommen die negativen Folgen von Beliebtheit ins Spiel. Wer einmal beliebt ist – ob nun online, auf Arbeit oder generell im Leben – der sieht sich mit Erwartungen konfrontiert. Du darfst nicht einfach aufhören, der Spaßvogel zu sein oder der gute Zuhörer oder der immer Verfügbare. Du bist beliebt geworden, weil du gewisse Erwartungen erfüllt hast. Wenn du das nicht mehr tust, dann verlierst du auch die Beliebtheit wieder.

Das stimmt natürlich nicht immer. Aber so fühlt es sich oft an.

Außerdem: Je mehr Menschen du kennst, je mehr du unterwegs bist, umso mehr Menschen verlangen auch deine Aufmerksamkeit. Bleibt da noch Zeit, zur Ruhe zu kommen? Oder Beziehungen zu vertiefen? Das fällt oft hinten über. Denn es kann süchtig machen, gut bei anderen anzukommen. Wer davon gekostet hat, dass viele den Namen kennen und Lob aussprechen und um Aufmerksamkeit bitten, der vergisst das Gefühl nicht. Selbst dann nicht, wenn man es eigentlich gar nicht so richtig mag.

Soll heißen: Selbst eigenbrötlerische Introvertierte, die problemlos tagelang allein sein können, können nach oberflächlicher Anerkennung streben. Weil es sich manchmal leichter anfühlt, als nach tiefen, engen Bindungen zu suchen. Die sind selten. Viele von uns vermissen sie komplett in ihrem Leben. Also wird die nächstbeste Option gewählt: Beliebtheit bei vielen Leuten zu erreichen.

Wie gesagt, bei einigen ist das garantiert auch total authentisch. Sie sind wirklich für viele interessant und sie sind einfach nett und haben eine tolle Ausstrahlung.

Nur wenn man das nicht einfach „drin“ hat, dann muss man sich entscheiden, was man will. Wie weit möchte man gehen, um gut anzukommen und teilzuhaben?

beliebter werden

Ist beliebt sein gut oder schlecht?

Ob beliebt zu sein gut oder schlecht ist, hängt meiner Meinung nach daran, ob man positiv oder negativ über Menschen beziehungsweise „die Gesellschaft“ denkt. Ich persönlich kann viele Einzelpersonen gut leiden, aber viel Liebe habe ich die Menschengruppen oder „die Gesellschaft“ nicht übrig. Bei extrem vielen Menschen beliebt zu sein, ist also kein erstrebenswertes Ziel. Ich möchte von denen geschätzt werden, die ich auch schätze – und die sind oft nicht durchschnittlich oder „normal“.

Das heißt nicht, dass „beliebt sein“ deshalb total unattraktiv ist. Mit steigendem Alter hat sich das zwar verändert, aber … wer beschwert sich schon darüber, bei anderen gut anzukommen?

Ich kann nur für mich sprechen und sagen: Wenn mir völlig durchschnittliche Menschen begegnen, die einfach alles mitmachen, aber selten hinterfragen und einfach nichts an sich haben, was sie von der Masse absetzt, dann schwindet mein Interesse. Ich möchte zwar nicht, dass diese Menschen mich hassen oder aktiv ablehnen – aber ich habe auch keine Sehnsucht danach, bei ihnen beliebt zu sein. Zumindest nicht langfristig. Klar in einem Moment oder beim Kennenlernen kann das noch anders sein. Aber wenn ich dann zur Ruhe komme, sehe ich auch, ob es mir wichtig ist, dass mich so jemand schätzt.

Aber Moment, heißt das dann, dass wir uns nur für bestimmte Menschen verbiegen sollen, um beliebt zu sein?

Ich nehme es dir nicht übel, wenn du denkst, dass ich darauf hinaus will.

Aber nein, darum geht es nicht.

Die Kunst liegt darin, sich selbst im richtigen Licht zu präsentieren, ohne sich zu verstellen. Denn ich werde nicht behaupten, dass „sei einfach du selbst“ ein toller Ratschlag wäre. Jeder, der für „einfach du selbst sein“ schon mal heftig abgelehnt wurde, der weiß auch, was ich meine.

Natürlich gibt es soziale Regeln, die wir befolgen können und sollten, um bei anderen nicht unnötig Ärger oder Wut oder Enttäuschung auszulösen. Wenn du jemand bist, der sich nach ein paar Gläschen Alkohol wie ein Idiot benimmt, dann weißt du auch, du machst dich damit unbeliebt bei anderen – also lass es lieber. Wenn du jemand bist, der vor allem in Einzelgesprächen glänzt, na dann versuche nicht in einer großen Gruppen den Hampelmann zu spielen.

Es ist total okay, seine Schwächen im Schatten und seine Stärken im Licht zu halten. Das heißt nicht, dass wir nicht authentisch sind. Wir geben uns eine höhere Chance, beliebt zu sein, wenn wir uns selbst kennen. Wir leben nun mal nicht in einer idealen Welt, in der jeder die Möglichkeit hat, genau hinzuschauen und hinzuhören, so dass wir uns alle gegenseitig wirklich gut kennenlernen können.

Auch bei „den richtigen Leuten“ beliebt zu werden, also bei denen, die wir gut leiden können oder die wir interessant finden, ist schwierig. Das geht nicht automatisch. Viele Menschen, die verbittert sind und sogar Hass auf andere Menschen entwickeln, haben nie gelernt, wie sie sich so zeigen, dass andere bessere Chancen haben, sie kennenzulernen.

Es bleibt immer ein Kampf zwischen Echtheit und Beliebtheit. Meiner Erfahrung nach zumindest. Denn es ist schwer zu erkennen, was wir wirklich aus authentischen Gründen tun und was eigentlich nur bei anderen gut ankommt.

Aber naja, wer sich nicht als statisches Ding sieht, der lernt ja im Austausch mit anderen auch etwas über sich selbst. Also vielleicht gehen wir zu einer bestimmten Party nur, weil wir glauben, dass würde anderen gefallen – und dann stellen wir fest, dass wir dort Spaß haben. Weil irgendwas anders war, die Leute, die Location, das Thema, die Stimmung. Dann wird das Mögen einer solchen Party auch ein authentischer Teil von uns und gleichzeitig etwas, was uns dabei hilft, beliebt zu sein.

Ich wette, viele Menschen würden bei der Wahl zwischen 50000 Instagram Abonnenten und 5 Menschen, die sich zum Geburtstag mit ehrlichen, individuellen Grüßen melden, die 5 Freunde nehmen. Beliebt zu sein bei 5 Menschen, die uns wirklich kennen, ist doch besser als 50000 Fremde zu haben, die nur einen Teil kennen und schätzen.

Es ist nur schwer, diese fünf Personen zu finden. Oder auch vier. Vielleicht drei. Manch einer würde schon mit einem solchen Menschen anfangen.

Selbstkritisch bleiben

Ich finde, wir sollten immer auch schauen, was an uns bei anderen nicht gut ankommt – wie gesagt, vielleicht schwimmen wir einfach zu wenig mit dem Strom. Oder aber, wir sind unhöflich. Vielleicht hören wir nicht richtig zu. Vielleicht geben wir uns keine Mühe – also kommt auch keine Mühe zurück. Es geht nicht nur um Kritik an der Welt, sondern auch darum, uns selbst kritisch zu betrachten. Nur so kann ein klares Bild entstehen, das die Grundlage für weitere Entscheidungen bildet.

So oder so möchte ich hier keine Feindbilder aufbauen. Ja, ich habe auch so meine Problemchen mit unserer Gesellschaft (und bei ihr beliebt zu sein, würde bei mir eher Verwirrung auslösen). Aber man muss auch einfach anerkennen, dass viele von uns gestresst sind. Und weit voneinander entfernt. Die Gelegenheiten, wichtige, echte Verbindungen aufzubauen, schwinden. Einsamkeit ist ein riesiges Problem in unserer Gesellschaft. Somit ist es auch oft so, dass ein Mensch nicht wegen seiner Art und Weise unbeliebt ist – manchmal finden Menschen auch aufgrund der Umstände einfach nicht zusammen.

Umso wichtiger ist es, bei Beliebtheit weiter auf Echtheit und Beständigkeit zu setzen. Sei beliebt bei denen, die es wert sind. Die auch für dich da sind, die sich Mühe geben, die Rücksicht nehmen und Empathie und/oder Mitgefühl zeigen. Oder streich das alles und ersetze die Punkte durch andere, die dir wichtig sind.

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