„Hab dich mal nicht so“ ist eng verwandt mit „So schlimm ist es nicht“ oder „Du übertreibst“. All diese Varianten (und mehr) werden recht lapidar durch die Luft gepustet, wenn jemand sagt, er hätte ein Problem. Sorgen, Schmerzen, Unsicherheiten – alles Dinge, bei denen fast reflexartig die Behauptung aufgestellt wird, jemand wäre anstrengend, zu empfindlich, nicht normal.
Und ich hasse es. Ich hasse, hasse, hasse es. Denn es ist so exemplarisch für Egoismus, bei dem man denkt: Also für mich ist diese Sache nicht schlimm, also darf sie auch kein Problem für andere sein.
Um so zu denken (und so durch die Welt zu gehen), muss man vergessen oder ignorieren, dass wir nicht alle Kopien voneinander sind. Wir sind verschieden und das ist auch gut so. Was für den einen kein Problem ist, ist für den anderen eben doch eines. Und was dem einen Freude bereitet, ist für den anderen eher langweilig. Das wissen wir theoretisch auch, aber wir vergessen es gerne mal, wenn jemand offen äußert, dass er mit einer Sache zu kämpfen hat.
Introvertierte kennen das: „Geh einfach mehr unter Leute.“
Und du sagst: „Ich bin nach der Arbeit zu erschöpft für soziale Kontakte, ich muss erst mal mein Leben ordnen, sonst drehe ich durch.“
Zurück kommt: „Hab dich mal nicht so.“
Hochsensible sitzen im selben Boot: „Geh erst mal hin, wenn du da bist, wird es dir schon gefallen.“
Und du sagst: „Ich halte es umgeben von Lärm nicht aus.“
Es kommt zurück: „Hab dich mal nicht so.“
Höhenangst: „Hab dich mal nicht so, wir sind doch sicher.“
Weltschmerz: „Hab dich mal nicht so, es könnte schlimmer sein.“
Selbstverständlich gibt es Menschen, die sehr unselbstständig sind und gerne jammern. Ich möchte nicht so tun, als würde es solche Leute nicht geben. Natürlich scheinen einige sich nur darüber zu definieren, was sie alles nicht können und was alles falsch läuft. Aber sofern wir nicht 100 Prozent sicher sind, dass es sich um so jemanden handelt, könnten wir doch einfach glauben, dass jemand eine Abneigung hat oder sogar eine Angst oder einfach eine Besonderheit, die bestimmte Dinge im Alltag erschwert.
Was haben wir denn davon, jemandem, der sowieso schon eine Sorge äußert, noch mit Herablassung zu begegnen? Zumal wir (glaube ich) alle wissen, wie es ist, wenn wir uns durchringen, über etwas zu sprechen, was sehr persönlich ist, nur um dann nicht ernst genommen zu werden.

Probleme zu benennen, ist kein Jammern
Das Benennen eines Problems, einer Sorge oder auch einfach einer Sache, die uns auffällt und mit der wir nicht umzugehen wissen, ist ein notwendiger erster Schritt, um ein Problem zu lösen oder zu lernen, damit zu leben. Wer aber direkt einen Riegel vorschiebt und sagt: „Nimm es so hin, sprich nicht darüber“, der stört den natürlichen Lauf der Dinge – ein Problem erkennen, es benennen, es verstehen und damit leben lernen oder es überwinden.
Und dieser Prozess findet nun mal auch oft im Austausch mit anderen statt. Wir wollen gehört werden. Idealerweise verstanden. Manchmal wollen wir einen Rat haben, manchmal nur ein offenes Ohr.
Ich mache das mal am Beispiel „Faktoren beim Abnehmen“ fest: Das reine Erwähnen der Fakten, dass wir unterschiedliche Stoffwechsel haben, auf bestimmte Sportarten anders reagieren, Fett- und Muskelverteilung auch genetisch bedingt ist etc., kann dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen.
Nur so kann man Anpassungen vornehmen – und vielleicht auch entscheiden, dass man lieber einen ausgeglichenen Alltag mit ein bisschen Übergewicht hat, als sein ganzes Leben gegen die letzten 10 Kilos anzukämpfen, und sich dafür mentalen Stress ins Boot zu holen, Geld zu verbrennen oder möglicherweise sogar Verletzungen und Erkrankungen zu riskieren.
Was wir nicht machen sollten, ist zu sagen: Aufgrund meiner Genetik kann ich nicht fit, gesund oder normalgewichtig werden. Es ist aber richtig zu sagen, dass wir unter Umständen andere Herausforderungen bewältigen müssen als andere Menschen. Nur wenn wir das anerkennen, können wir Sport und Ernährung an unsere besonderen genetischen Umstände und auch Lebensbedingungen anpassen. Denn wenn jemand irgendeinen Quatsch wie Politikwissenschaft studiert und nebenbei ohne Ende Zeit hat für gesunde Ernährung und Sport, dann ist das eben auch eine andere Situation als bei einem Vollzeit arbeitenden Familienvater. (Hinweis: Ich habe Politikwissenschaft studiert und hatte dabei ohne Ende Zeit, ein Familienvater bin ich aber nicht.)
Wenn aber jemand vermutet, er sei etwas anders veranlagt, als ein Kumpel oder ein Influencer – und er spricht das aus –, dann kommen die Leute aus ihren Löchern gekrochen und poltern: Hör auf, nach Ausreden zu suchen! Alle anderen schaffen es doch auch! Hab dich mal nicht so!
Dann versteckt sich der Mensch möglicherweise wieder und behält seine Gedanken ab sofort nur noch für sich. Geholfen ist ihm damit definitiv nicht. Denn er wird es (wenn überhaupt) mit allgemeinen Tipps für seine spezifische Situation versuchen und sehr, sehr wahrscheinlich scheitern, das zeigen die Statistiken zu Abnehmerfolgen ja immer wieder.
Dieses Mantra von: „Mach es halt so wie alle anderen und wage es ja nicht so zu tun, als hättest du nicht exakt dieselben Bedingungen wie alle anderen“, ist nicht nur beim Thema Sport und Gewicht üblich. Das gilt für das Einkommen. Liebe finden. Freunde finden. Glücklich werden. Überall soll es einfach sein und überall scheitern die Menschen auf ganzer Linie.
Also ja, viele Menschen scheitern, weil sie sich einreden, sie könnten bestimmte Dinge nicht. Genauso scheitern aber viele Menschen, weil ihnen ihr soziales Umfeld – und auch Social Media – einredet, es gäbe einen einfachen perfekten Weg. Ein Weg, der aber in Wahrheit überhaupt nicht zu ihnen passt. Also warten Misserfolg und Enttäuschung.
Social Media in seiner heutigen Form wäre von heute auf morgen tot, wenn die Leute plötzlich glücklich wären und sich wieder mit ihrem Offline-Leben zufriedengeben könnten. Also wie wahrscheinlich ist es, dass die Tipps und Tricks und Weisheiten, die Millionen von Klicks bekommen, wirklich helfen?

Stress ist Stress, dein Körper macht keinen Unterschied
Ich möchte jetzt darüber sprechen, warum es wirklich bescheuert ist, mit „Hab dich mal nicht so“ umzugehen wie mit Streusalz im Winter. Denn in vielen Situationen ist „Hab dich mal nicht so“ tatsächlich ein Anzeichen für fehlende Bildung, nicht nur für fehlende Empathie.
„Hab dich mal nicht so“ setzt die Annahme voraus, dass man sich aus Situationen einfach herausdenken kann. Und natürlich hat unser Geist auch enorme Macht, aber: Ein und derselbe Reiz kann bei zwei Menschen komplett unterschiedliche Reaktionen auslösen. Das wissen wir schon. Von einem stärker betroffenen Menschen wird also mehr Leistung nötig sein, als von jemandem, der weniger stark betroffen ist von einem Reiz.
Wir haben beispielsweise eine unterschiedliche Schmerztoleranz. Einige riechen besser als andere. Einige können im Dunkeln gut sehen, andere nicht. Wenn uns jemand mit Nachtblindheit begegnet, soll der sich dann auch mal nicht so haben? Nein, das verstehen wir. Aber wenn jemand beim Anblick von Leid in der Welt zu weinen beginnt, dann ist das angeblich schwach, unnötig oder peinlich.
Angst, Erschöpfung, Überreizung – was angeblich nur in unserem Kopf ist, betrifft unseren gesamten Körper. Denken wir mal an ein gebrochenes Herz: Du weißt ganz rational, dass du nicht in Gefahr bist. Dass das Leben weitergeht. Aber dein Magen tut weh, du kannst dich nicht konzentrieren und manchmal willst du gar nicht weitermachen. Einige Menschen bekommen nach extremen Emotionen sogar eine Art Herzinfarkt, den man auch als Broken-Heart-Syndrom bezeichnet.
Natürlich sieht Herzschmerz von außen anders aus als Dinge, die wir ernster nehmen. Jemand verhungert, erfriert oder kämpft um sein Leben – da verstehen wir, dass das alles körperlich und eine Notlage ist.
Aber es hat eben auch keinen Mehrwert, das wiederholt gegeneinander aufzuwiegen. Wenn jemand sagt, er kann nicht zu einer Party gehen, er ist völlig erschöpft, dann hört derjenige auf seinen Körper. Da passiert etwas mit den Hormonen und all den anderen Vorgängen im Körper. Ob derjenige von sechs Stunden Steine schleppen oder sechs Stunden mit dem Laberkollegen so erschöpft ist, ist ziemlich egal.
Ja, wir müssen uns letztlich auch durcharbeiten durch Sorgen und Krisen, und dann lernen, damit umzugehen – aber das geschieht nicht durch Ignorieren oder dadurch, sich selbst einzureden, man wäre nur zu empfindlich. Also hilft es eben auch kein Stück, wenn von außen zu hören ist, man müsste sich mal zusammenreißen.
Hab dich mal nicht so, ist egoistisch
Wer nicht mit Empathie und Zuhören auftritt, sondern mit Besserwisserei und Hab dich mal nicht so, der ist kein guter Freund oder Mitmensch. Das muss ich so klar sagen. Das will ich auch nicht abschwächen, obwohl sich garantiert etliche Menschen ertappt fühlen werden – inklusive mir. Ich glaube, heute mache ich den Fehler kaum noch, aber früher, ja, habe ich auch immer mal gedacht, ich würde etwas Gutes tun, indem ich jemanden davon abhalte, über Probleme zu sprechen. Ich habe andere dafür verurteilt, was sie stresst und belastet.
„Hab dich mal nicht so“ ist eine zutiefst egoistische und selbstbezogene Aussage. Sie hilft niemandem. Also sagen wir es nur, um uns besser zu fühlen. Um uns zum Beispiel daran zu erinnern, dass unser Leben ja auch schwer ist, aber wir reden darüber nicht. Wir behalten das für uns und deshalb sind wir ja besser als diejenigen, die über ihre Sorgen und Probleme sprechen.
Oder wir sagen es, weil wir keine Zeit und Energie investieren wollen, um andere zu verstehen. Hinter „Hab dich mal nicht so“ steckt oft auch „Du bist mir nicht wichtig genug, um Empathie und Mitgefühl zu zeigen“.
Zu glauben, wer Probleme benennt, der jammert und soll aufhören, ist eine ziemlich feige Weltsicht. Wir müssen nichts hinterfragen und schon gar nicht an den Grundfesten bestimmter Überzeugungen herumspielen, wenn wir so denken. Wir glauben nicht an Veränderung in der Welt und auch nicht an die Vielfalt der menschlichen Erfahrung. „Augen zu und durch“ ist die Devise für das ganze Leben. Was so schade ist, denn ich würde sagen, es geht um viel mehr im Leben und das lässt sich leichter mit offenen Augen entdecken.
Über Probleme zu sprechen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen und untätig zu werden, ist meiner Meinung nach wahre Stärke. Aber es ist auch schwer. Und man kann immer wieder scheitern.
Menschen, die hab dich mal nicht so sagen, halten sich für stark. Ich halte sie für schwach. Sie ertragen es nicht, Probleme und Sorgen zu sehen und zu durchschauen. Also weichen sie aus. Sie beenden die Suche nach einem besseren Leben. Naja oder sie stellen sich immer nur ihren eigenen Sorgen und halten diese für wahr und richtig, während die Sorgen der anderen immer falsch und peinlich sind.
Ich denke, man muss gar nicht von Natur aus super empathisch sein, um die Sorgen anderer Menschen ernst zu nehmen. Ich finde, man kann das lernen. Wie gesagt, ich war früher auch eher mies darin, andere zu verstehen. Und ich kämpfe auch heute noch damit zu verstehen, wie die Prioritäten und Sorgen vieler, vieler Leute so funktionieren. Aber ich strenge mich dann an, um es immerhin besser zu verstehen.
Ich kann sogar inhaltlich kritisieren, was die Menschen so belastet. Ich kann für mich feststellen, dass es nicht logisch wirkt. Aber wenn ich helfen will, dann muss ich die Sorgen erst einmal als „wahr“ akzeptieren, ob ich sie nun teile oder nicht. Dann erst kann ich helfen, andere Perspektiven aufzuzeigen oder Schmerz zu lindern.
Und wenn ich nicht helfen will, aus welchem Grund auch immer, na dann kann ich halt einfach die Klappe halten.

Weltschmerz und das moderne Leben
Wer darüber spricht, dass er von der modernen Welt und Menschheit enttäuscht ist, der begegnet oft einer typischen Aussage, an der auch viel Wahres dran ist: „Nahezu jeder Mensch der Vergangenheit würde gerne in unserer verhältnismäßig sicheren und von Wohlstand geprägten Moderne hier im Westen leben. Also sei dankbar und beschwer dich nicht.“
Und ich werde auch niemals so tun, als wären wir nicht privilegiert. Aber: Würdest du jetzt jemanden aus dem 18. Jahrhundert in die Moderne werfen, würde der völlig den Verstand verlieren. Der Lärm, der Dreck, die Unzufriedenheit trotz Wohlstand, Social Media, Zivilisationskrankheiten – es würde keinen Sinn ergeben. Es wäre zu viel, zu chaotisch.
Ich meine, stell dir vor, jemand lernt, dass wir auf dem Papier eine Demokratie haben. Geschlecht, Einkommen, Hautfarbe, all das spielt keine Rolle, wir als Volk entscheiden gemeinsam, wie die Zukunft aussehen soll. Und das Volk wählt, die Schere zwischen arm und reich weiter aufgehen zu lassen und die Umwelt nicht ausreichend zu schützen, von der wir abhängig sind.
Wir bleiben hinter unseren Möglichkeiten zurück. Der Zustand der Welt deckt sich nicht damit, was sein sollte.
Das kann man nicht einfach wegreden. Wer hinschaut, der sieht diesen Widerspruch zwischen der sichersten und wohlhabendsten Zeit unserer Menschheitsgeschichte und dem, was wir daraus machen. Das ist Stress im Körper.
Wenn man sich anguckt, wie viele Menschen ohne ihr Bier oder ihren Wein am Abend, ihr Trash TV, ihr Fast Food oder ihre sonstigen Betäubungsmethoden den Alltag nicht überstehen wollen oder können … dann nennen es viele vielleicht nicht Weltschmerz, aber ungefiltert nehmen sie die Welt nicht unbedingt wahr, oder? Betäuben sie nicht einfach die Reize, Gefühle und Gedanken, die einige von uns so ungehemmt spüren?
Hab dich mal nicht so, ist seit Jahrzehnten die Devise. Und was hat es uns gebracht? Wo sind denn all diese gesunden, zufriedenen Menschen, die es geben sollte, wenn sich mal nur jeder um sich selbst kümmert und positiv denkt?
Natürlich ist der Zustand der Welt und unserer Gesellschaft von vielen, vielen Dingen geprägt, die weit über „Hab dich mal nicht so“ hinausgehen. Aber wenn wir diese Aussage (und ihre Kumpels wie „Stell dich nicht so an“) als Symptom des Hyperindividualismus, der Ellenbogengesellschaft und der Empathiemüdigkeit sehen, dann wird sie eben schon relevanter.
Ich habe daher für mich entschieden, dass ich die Menschen besser verstehen will. Und dass ich anderen nicht damit auf den Keks gehe, wenn ich ihre Sorgen nicht verstehe – zumindest nicht, wenn es sich um eine persönliche Wahrnehmung handelt und nicht um etwas, was jemand nur nachplappert oder was auf falschen Annahmen beruht. Ich kriege das bestimmt nicht immer zu 100 Prozent hin, aber ich strenge mich an.
Und zu guter Letzt muss ich das dann auch auf andere übertragen: Wenn andere darauf bestehen, dass meine Sorgen nicht echt oder nicht wichtig sind, oder dass ich zu empfindlich bin, dann haben sie wohl keinen Platz in meinem Leben verdient. Ich muss sie nicht hassen oder zum Gegenangriff blasen, aber ich muss sie auch nicht ernst nehmen. Sie wollen mir schließlich nicht helfen. Was okay ist, sie müssen mir nicht helfen, aber … sie wollen auch nicht stillbleiben.
Für sowas ist mir meine Zeit zu schade und ich habe zu lange zugehört und verinnerlicht, dass ich zu empfindlich wäre. Und seitdem ich mich von solchen Überzeugungen löse, oder es immerhin versuche, bin ich ein stärkerer Mensch, würde ich sagen. Ich fühle mich heute auf jeden Fall deutlich besser auf die Welt vorbereitet als damals, als ich mich selbst als „zu empfindlich“ eingestuft habe und einstufen lassen habe.
Und ich hoffe, viele von euch sind diesen Schritt auch schon gegangen. Oder vielleicht seid ihr noch in der Findungsphase. Sind ja alle irgendwie, oder nicht?
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