Auslandssemester Australien: Der eine perfekte Tag

australien für introvertierte

Der beste Tag in 5 Monaten Australien

Wie kann es sein, dass in 5 Monaten Australien ausgerechnet 1 Tag im Mai heraussticht, an dem ich hart arbeiten musste und Wein als Bezahlung erhalten habe, den ich nicht einmal trinken wollte? So richtig verstehe ich es auch noch nicht.

Doch wenn mich jemand fragt, was die Highlights meines Auslandssemesters in Australien waren, dann taucht dieser eine Tag immer auf. Neben der Great Ocean Road, Uluru, Melbourne und Sydney spreche ich über einen Ort, von dem ich bis heute nicht genau weiß, wo er liegt.


mitten im nirgendwo australien

Aber ein Schritt nach dem anderen.

1. Auslandssemester an der University of Newcastle

Im Zuge meines Politikwissenschaftsstudiums hatte ich die Möglichkeit, nach Australien zurückzukehren. Bereits im Jahr 2006 (im zarten Alter von 12 Jahren) war ich für eine Urlaubsreise dort und 9 Jahre lang stand fest, dass ich noch mal bis ans andere Ende der Welt fliegen würde.

Aber warum zur Hölle dann Newcastle? Tja, sowohl Großbritannien als auch Australien haben ein Newcastle. Obwohl viele Menschen über Newcastle als schmuddelige Kleinstadt sprachen, dachte ich, naiv und stur wie ich bin, dass das nichts Schlechtes sein musste. Immerhin sagen viele Leute das auch über Rostock.

Leider sollten sie Recht behalten. Auch wenn es ein absoluter Luxus war, direkt am Pazifischen Ozean zu leben (15 Minuten mit dem Fahrrad entfernt) und die Stadt mich nicht so erschlagen konnte wie Sydney oder Melbourne, gebe ich zu, dass es nicht meine beste Entscheidung war.

Die andere Art zu Studieren kennenzulernen und vor allem, eine Universität mitten im Wald zu besuchen, möchte ich nicht missen. Aber seien wir ehrlich, so richtig fleißig war ich deshalb auch nicht. Doch dafür kann Newcastle nichts.

Alles in allem war Newcastle einfach nur eine Stadt wie jede andere. Ein bisschen kleiner, ein bisschen schmuddeliger an einigen Ecken. Meine Erfahrungen im Alltag entsprachen wohl dem Alltag der meisten Australier – auf Dauer wünscht man sich aber mehr.

Also so oft wie möglich raus aus dem Alltag.


2. Typische Reiseziele

Mit dem Zug waren es nicht einmal 3 Stunden bis nach Sydney. Dementsprechend hat es mich dort häufiger hinverschlagen. Dort bin ich angekommen, habe 3 Tagestouren (also an drei verschiedenen Tagen eine Tour gemacht und nicht 3 Tage lang dieselbe) gemacht und bin von dort später nach Neuseeland weitergeflogen.

3 Tage ging es nach Brisbane. Da ist einfach nicht viel passiert. Melbourne war wundervoll interessant und die Great Ocean Road eine absolute Empfehlung. Die 3-Tages-Tour durch das Red Center von Australien muss man entweder selbst organisieren oder mit einer Guide buchen – egal wie, auf jeden Fall machen!

Falls jemand mehr über diese Ziele erfahren möchte, kann er oder sie es mir gerne per Mail (siehe Kontakt) oder per Kommentar schreiben. Jetzt aber erst einmal zu dem wahrscheinlich unbekanntesten Reiseziel Australiens.


3. Ende des 0815 Reiseberichts

Hoffentlich hat niemand aufgehört zu lesen. Immerhin verspreche ich am Anfang, dass es um einen speziellen Tag gehen wird. Über Sydney, Melbourne, Uluru und Co. könnt ihr woanders etwas erfahren. Steht meist überall dasselbe drin.

Warum aber dieser spezielle Tag im Mai? Ganz kurz zur Vorgeschichte. Im April 2015 gab es an der Ostküste Australiens – ihr wisst schon, da wo ich war – schwere Unwetter und verdammt viel Wasser von oben.

Auch wenn es mir für alle, die dadurch zu Schaden kamen, sehr leid tut, bin ich auch ehrlich und sage: Ich liebe Unwetter. Alles aus der Natur, das uns zeigt, wie klein und unbedeutend wir sind, ist genau das, was ich brauche.

(Dirtytalk extrem: „Los, sag mir, wie winzig wir sind. Sag mir, dass unsere lächerlichen kleinen Existenzen für die Welt keine Rolle spielen!“)

Wo war ich? Ach ja, die Stürme. Einige Wochen nachdem diese kleine Briese mit dem bisschen Wasser hinter uns lagen, sprach mein Vermieter mich an. Er war einer von denen, die die Miete noch persönlich abholen, gerne quatschen und sich um die Probleme und Sorgen seiner meist internationalen Mieter kümmert.

Seine Frage: Hast du morgen Zeit, auf einem Weingut zu helfen?

Da ich zu diesem Zeitpunkt von meiner Auslandserfahrung etwas desillusioniert war – ich wusste mittlerweile, dass sich mein Leben nicht radikal ändern wird, nicht jeder Tag ein Abenteuer ist und ich auch im Ausland nicht plötzlich extrovertiert bin – kam mir diese Frage genau richtig.


Weinbau in Australien

Also ging es am nächsten Morgen in aller Frühe los. Wohin? Keine Ahnung. Ohne Witz, ich weiß bis heute nicht genau, wo diese Farm (beziehungsweise das Weingut) eigentlich liegt. Circa 90 Minuten von Newcastle entfernt. Macht damit, was ihr wollt.

Gemeinsam mit 2 anderen internationalen Studenten, unserem Vermieter, seiner Ehefrau sowie einem ihrer Freunde erreichten wir das Weingut am frühen Vormittag.

WIR.WAREN.IM.NIRGENDWO!

Kam die Begeisterung darüber durch? Nein? Verdammt. Es gab meilenweit nichts anderes zu sehen als grün. Der Besitzer des Weinguts war ein alter Mann, mit altem Hund und mehr Land als man sehen konnte.

Durch den Sturm gab es Überschwemmungen auf seinen Feldern. Unsere Aufgabe war es nun, all das Gestrüpp und den Dreck zu entfernen, die an die Weinreben gespült worden waren. Also auf Knien oder in der Hocke Dreck sammeln.



In meinem festgefahrenen Alltag in Australien war das genau das, was ich brauchte. Zwischendurch wurde Essen auf einem improvisierten Stein-Grill gemacht und die alten Herren (Vermieter und Weingutbesitzer) unterhielten sich, wie sie es wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten taten.

Das Dorfkind in mir war zufrieden. Die körperliche Arbeit schaffte mich, aber ich wusste, dass der schlimme Muskelkater ohnehin noch 1 bis 2 Tage auf sich warten lassen würde. Meine soziale Energie nahm langsam ab, aber die Arbeit wurde weitestgehend allein und in Stille verrichtet, also hielt ich durch, ohne ernsthaft wieder zurück in die „eigenen“ vier Wände zu wollen.

Die überwältigendste Erfahrung fehlte aber noch. Der Weingutbesitzer besaß einen Pick Up Truck. Eine schön alte und rostige Karre mit großer Ladefläche. Dort pflanzte er die zwei anderen Studenten und mich und fuhr los.

Hinten auf dem Pick Up drei faszinierte Ausländer, die sich mit weißen Knöcheln an eine Haltestange klammerten. Keine Ahnung, ob mein Mund sich irgendwann geschlossen hat.

Unser Fahrer konnte uns grob die Richtung zeigen, in der sein Land aufhörte. Aber so weit das Auge reichte, war die beste Beschreibung, wenn auch ein totales Klischee. Nebenbei grüßten wir Kängurus und Kälber.

Aus irgendeinem Grund fiel dort das erste Mal seit meiner Ankunft in Australien 3 Monate zuvor so richtig die Spannung von mir ab. Es ist selten, dass ich vollständig in einem Moment verschwinde. Für viele Introvertierte ist es so, dass unsere nach innen gerichteten Gedanken und Gefühle eine Situation übernehmen oder sofort verarbeiten.

Nicht an diesem Tag. Hügel rauf und wieder runter zu fahren, dabei fast herunterzufallen und trotzdem irgendwie Kängurus beobachten, nahm all meine Aufmerksamkeit ein. Die Müdigkeit des Tages und die langsam untergehende Sonne. Es gab keine Zeit zum Nachdenken.


Australische Müdigkeit

Als „Bezahlung“ für unsere Mühen, die keiner von uns verlangt hätte, bekamen wir jeder ein paar Flaschen Wein. Auf der Rücktour zeigte sich dann erstmals die Anstrengung des Tages, auch, weil ich diesen Tag mit nahezu völlig Fremden verbracht hatte. Gespräche im Auto waren wenig fruchtvoll.

Als ich abgesetzt wurde, bedankte ich mich. Mir war zu diesem Zeitpunkt schon irgendwie klar, dass mir dieser Tag in Erinnerung bleiben würde. Aber Introvertierte kennen das: Wenn die soziale Erschöpfung überhand nimmt, dann wird das Genießen von Momenten schwerer und schwerer.

Mein Vermieter kam einige Tage später wieder ins Haus und fragte, wie es mir gefallen hatte. Ich kann mich noch immer erinnern, wie perplex er aussah, als ich versuchte, ihm zu erklären, wie toll ich den Tag fand. Für ihn war ein Tag im Freien, mit körperlicher Arbeit und guten Freunden nichts Besonderes. Und diese komische Deutsche, die er beherbergte, schien sich darüber zu freuen wie ein honey cake horse.

Ich kann nur mutmaßen, was diesen Tag so eingebrannt hat. Wahrscheinlich realisierte ich dort zum ersten Mal wirklich, wie sehr ich versucht hatte, mein Auslandssemester den Erwartungen anderer anzupassen.

Die beste Zeit des Lebens, Abenteuer, so viele coole Menschen – das sind Versprechen, die nicht automatisch für jeden eingelöst werden. Außerdem sind es Dinge, die nicht jeder braucht, um eine tolle Zeit im Ausland zu haben.


australien für introvertierte

3 Erkenntnisse nehme ich mit

1. Mobilität ist wichtig. Als naturliebender Mensch in einer Stadt festzuhängen ist zum Kotzen. Die Einschränkungen sind nervig und ermüdend.

2. Wer sich nicht bewegt, wird müde im Kopf. Es ist nicht so, dass ich in Newcastle oder auf meinen Trips nach Sydney, Melbourne oder Alice Springs keine Bewegung bekommen habe. Aber manchmal muss man dem Körper einfach Reize setzen. Also in kurz: Regelmäßig ein bisschen Muskelkater haben.

Pro Tipp: Wer nicht besonders sportlich ist, bekommt besagten Muskelkater schneller.

3. Wer die Erwartungen anderer zu seinen eigenen macht, läuft Gefahr, nach fremden Regeln zu leben. Hätte mir jemand diesen Tag vorher beschrieben, wäre ich wahrscheinlich skeptisch gewesen. Ein Highlight? Ich soll doch für Partys, gruselige Tierchen und Vagabundenleben nach Australien gehen und nicht für Arbeit und Pick Up Touren.

Nicht falsch verstehen: Als Dorfkind hätte ich die Einladung natürlich immer angenommen. Aber wie will man jemandem erklären, der nach all den tollen Erfahrungen im Auslandssemester in Australien fragt, dass einer der normalsten Tag der schönste war?

Man schreibt einen Blogbeitrag dazu, würde ich sagen.


Im Ausland lernen, warum man nicht ins Ausland möchte

Wie immer ein Hinweis: Jeder, der die geilsten Partys gefeiert hat, die tollsten Freundschaften geschlossen hat oder aus allen Flugzeugen gesprungen ist und das genossen hat, darf mir und anderen gerne davon erzählen.

Wer jedoch introvertiert ist und denkt, er müsse dieses Verhalten kopieren, der sollte sich vielleicht auf diesem Blog noch etwas umsehen. Wir sind nun mal verschieden. Für manche Leute war vielleicht das Schönste am Auslandsaufenthalt, dass sie so viel in der Uni gelernt haben. Oder die langen Stunden beim Lesen am Strand. Dieses eine Gespräch mit einem klugen Menschen, der eine neue Perspektive auf die Welt lieferte.

Falls ihr bis hierher gelesen habt (oder auch einfach nach der Einleitung hier runter gescrollt habt), dann nehmt bitte eine Erkenntnis mit: Legt euch nicht vorher fest, was die Highlights eurer Reise werden sollen. Eure Bedürfnissen und Vorlieben sind nicht in Stein gemeißelt und die besten Erfahrungen macht ihr, wenn ihr euch nicht in das Weltbild der Anderen zwängt.

PS: Wer Fragen zum Auslandssemester, zum Reisen oder der University of Newcastle hat, kann sie gerne in den Kommentaren oder über das Kontaktformular stellen – Antwort garantiert!


Habt ihr Auslandserlebnisse, die nicht ins Bild passen, für euch aber absolute Highlights waren?

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