Warum ich als Schriftsteller keine Zeit mehr auf YouTube verschwende

Habt Ihr schon mal einen Song auf YouTube gesucht und drei Stunden später eine Bauanleitung für einen Süßigkeitenspender geguckt? Dieses „Hängenbleiben auf YouTube“ ist weit verbreitet und am Ende ist man meist etwas beschämt oder fragt sich, was im eigenen Kopf nicht richtig läuft.

Ich versuche dieses Phänomen etwas zu leiten. Ich starte mit einem Video zum Thema „Storytelling“ oder „Character Development“ (deutsche Inhalte sind leider rar) und hangle mich dann durch die Vorschläge von Youtube. Meist werden nicht Bücher sondern Filme oder Serien besprochen, doch die Erkenntnisse können in Teilen auch auf die Literatur angewandt werden.

Ein Beispiel gefällig? How To Make Your Audience Cry von The Closer Look. Dieses Video beschäftigt sich mit der Möglichkeit, die Zuschauer eines Films zum Weinen zu bringen. Dabei geht es um Perspektive (in den emotionalen Momenten sind wir dichter dran am Charakter) oder auch die psychologischen Effekte (wie unfair das Leben/die Situation für die Charaktere ist). Besonders die Perspektive ist auch für Autoren relevant. Wenn unser Protagonist seine große Liebe verliert oder alleine gegen den Rest der Welt kämpfen muss, dann brauchen wir nicht zu beschreiben, in welchem Blauton der Himmel schimmert oder ob sein/ihr rechter Schuh offen ist. Die Reaktion des Protagonisten auf die Situation muss im Vordergrund stehen.

Früher habe ich solche Videos meist mit einem Kopfnicken oder einer kleinen Notiz im Hinterkopf konsumiert. Heute mache ich mir handfeste Notizen und ziehe sofort Schlussfolgerungen für meine aktuelle Story. DAS IST WICHTIG! Man kann sich nicht alles merken und auch nicht alle zwei Wochen dasselbe Video gucken. Okay, kann man schon, aber das geht dann von der Schreibzeit ab.

Ganz besonders gefällt mir die Möglichkeit, die eigenen Lieblingsgeschichten unter die Lupe zu nehmen. Denkt an Euren Lieblingsfilm (Buch, Serie, Comic) und sucht ihn bei Youtube mit einem Schlagwort wie „character“ oder „story“.

Jüngst stieß ich auf Analysen zur Serie „Avatar- Der Herr der Elemente“ (engl. Avatar: The Last Airbender). In meinen späten Teenager-Jahren habe ich die Serie geliebt und verschlungen. Allerdings mit einem schlechten Gewissen. Eine animierte Serie für Kinder, darüber wollte ich lieber nicht sprechen. Totaler Quatsch, wie ich heute weiß. Grüße an mein Teenager-Ich: „Scheiß drauf, was die anderen denken!“. In meinen 20ern schaute ich mir die Serie (und ihren Nachfolger Legend of Korra) erneut an und die Serie war immer noch gut. YouTube gibt mir jetzt die Chance zu verstehen, warum sie mir so gefiel und gefällt.

Obwohl für Kinder konzipiert, vermittelt sie viele Erkenntnisse indirekt, sie nimmt also ihre Zuschauer ernst- wichtig für Schriftsteller! Selbst Nebencharakter haben eine ausgeprägte Motivation und Backstory, ohne die Protagonisten zu übertrumpfen- wichtig für Schriftsteller! Die Serie lässt sich Zeit, weiß aber vom ersten Moment an, wo sie hinmöchte- wichtig für Schriftsteller! Und, und, und!

Ich würde jedem empfehlen, seine Zeit auf YouTube effektiver zu nutzen. Es geht längst nicht mehr nur um Katzenvideos oder Schminktipps. Viele Menschen produzieren qualitativ hochwertige Inhalte, die für Schriftsteller, Serienliebhaber oder Filmenthusiasten wahre Erkenntnisressourcen sind.

– Vitani S

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7 Antworten

  1. Nick Bastian sagt:

    Toller Beitrag, ich selbst verbringe oftmals viel zu viel Zeit auf Yt.
    Allerdings lade ich auch selber Videos hoch. Wie stehst du zu sowas? Wenn man als Schriftsteller Videos mit Texten zum Mitlesen ( in meinem Fall) erstellt?
    Lg nick

    • Hi Nick,

      also ich finde es natürlich total klasse, wenn man selbst auch kreiert (und nicht nur konsumiert). Ich habe mir eins Deiner Videos mal angeguckt und finde die Idee echt super! Über sowas bin ich bei Youtube bisher gar nicht gestolpert.

      Danke für den tollen Hinweis 🙂

      LG
      Vitani

  2. Liebe Vitani,
    ich bin ebenfalls ein großer Avatar-Fan 😀 und das mit den Notizen kann ich dir nur Recht geben. Ich schreibe mir ach immer Notizen zu den Schreibratgebern, die ich lese. Der Konsum allein festigt das Wissen bei mir nicht ausreichend. Aber selbst aufgeschrieben bleibt es besser im Kopf und ich kann schnell mal nachlesen 🙂
    Liebe Grüße, Alex

    • Hi Alex,

      ich glaube, es ist unmöglich abzuschätzen, wie viele Avatar Fans es wirklich gibt. Selbst Menschen, die ich seit Jahren kenne, erwähnen Avatar ganz nebenbei im Gespräch und plötzlich stellt man fest, hey, diese Gemeinsamkeit kannte man noch gar nicht.

      Ich bin schuldig, ich habe in den vergangenen Tagen nicht allzu fleißig Notizen gemacht. Vielleicht ein guter Vorsatz für das neue Jahr 😉

      LG
      Vitani

  3. 😅 Gerade dein erster Satz zeigt schon, wie man einen Leser in den Bann zieht – wichtig für Schriftsteller! Auch wenn ich dieses spezielle Phänomen nicht kenne, da ich von Youtube eher schnell gelangweilt bin, kenn ich doch das sich verlaufen in Recherche, dann einfach in anderen Medien. Ich habe mir auch immer viel Notizen gemacht – und jetzt habe ich sicher hunderte von Notizzetteln und -büchern und auch den ein oder anderen Hinweis doppelt und dreifach. Hast du ein Ordnungssystem für deine Notizen? So richtig effektiv nutze ich meine Notizen wohl trotzdem nicht, vor allem, wenn ich sie auf ein neues Projekt übertragen sollte, anstatt einfach neu zu recherchieren. Sie sind oft direkt Projekt gebunden. Aus „interessante Figuren“ wird eher „Person A braucht noch ein dunkles Geheimnis“ 😄
    LG

    • Moin. Nein, tatsächlich geht es mir auch so, ich habe eine ganze Schublade voller Notizbücher, einzelner Zettel oder Rückseiten von Rechnungen (huch), auf denen meine Anmerkungen stehen. Das System heißt also Chaos.
      Sich in Recherche zu verlieren heißt aber auch, dass man die trivialsten Infos der Welt aus dem Hut zaubern kann. Ich werde beispielsweise jederzeit abrufen können, dass es in Hogwarts 142 Treppen gibt. Kann man mit dieser Info Geld verdienen? Nicht wirklich. Bekommt man so einen Masterabschluss? Eher unwahrscheinlich. Erntet man erstaunte Blicke, wenn man diese Info mitten im Gespräch über Architektur einwirft? Definitiv- und das macht Spaß 🙂

      LG
      Vitani

  4. lunaewunia sagt:

    Ich habe auch versucht meine Zeit die ich auf yt verbringe in etwas sinnvolles für mein Schreiben zu wandeln… Und sehe auch Ferne eben von dir angesprochene Videos. Och bin allerdings nie auf die Idee gekommen, mir dazu Notizen zu machen. Dabei ist das wirklich sinnvoll, denn ich denke, so schaut man viel effektiver und kann direkt etwas zu seinem Projekt gewinnen! Ich danke dir ernsthaft für diesen banalen, aber genialen tipp, wer weiß ob ich je drauf gekommen wäre xD

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