Kurzgeschichte: Die Räder vom Bus drehen sich rundherum

Nathanael Beck saß auf Platz 7D des Gefangenentransportes. Das wusste er, weil an der Fußfessel, die ihn an diesen Bus kettete und die im Falle eines Unfalls oder eines Feuers zum Problem werden würde, noch die Reste der Gravur 7D zu erkennen waren. Durch die Gitterstäbe am Fenster und das zentimeterdicke Panzerglas, beobachtete er die weiteren Passagiere, die in Reih und Glied standen, um zusteigen zu dürfen.

Ein Gnom trat vor, den man in saubere Kleidung gesteckt hatte, der festes Schuhwerk trug und offensichtlich auch Absätze- kein Gnom konnte Nathanael  je bis zur Hüfte reichen. Er guckte grimmig, kaute Kaugummi und trat dem Wärter beim Eintreten in den Bus völlig unschuldig und mit klarer Absicht auf den Fuß. Als Dank bekam er mit dem Maschinengewehr einen Schlag in den Rücken. Da der Wärter seine Kraft nicht an sein Opfer anpasste, flog der Gnom mit dem Gesicht gegen den Bus und blutete aus der Nase.
Einige Positionen weiter hinten in der Schlange der „Verbrecher“, protestierte eine dürre Frau lautstark, auch, wenn Nathanael nicht viel verstehen konnte, sah er, wie wirklich, wirklich aufgebracht sie doch war. Sie zückte sogar ein Buch, nicht irgendeines, sondern das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, und wedelte damit vor der Nase des Wärters herum. Der nahm das Buch, warf es dem Gnom in den Bus hinterher und schob die aufgebrachte Nymphe als nächstes in den Bus.

Nathanael verlagerte seine Aufmerksamkeit in das Innere des Busses. Der Gnom wurde auf seinen Platz gebracht, 5A, und niemand half ihm mit der blutenden Nase.
„Was haste angestellt?“, rief der Gnom und lehnte sich in den Mittelgang.
Er schniefte vor sich hin wie ein Erkälteter und zog das Blut, so gut er konnte, wieder in seinen Körper hinein.
„Meinst du mich?“, fragte Nathanael .
„Ist hier noch einer?“
Nathanael blieb brav auf seinem Platz sitzen und behielt sein Gesicht für sich. Nicht, dass es kein hübsches Gesicht gewesen wäre, zu besseren Zeiten, als Duschen und stylische Klamotten noch eine Option gewesen waren, bekam er haufenweise Komplimente. Doch die besseren Zeiten lagen hinter ihm, sie lagen hinter ihnen allen.
Die Nymphe kam herein und sie hatte ihr Buch zurück. Sie drückte es mitsamt Handschellen an ihre magere Brust und rümpfte die Nase. Dann entdeckte sie Nathanael.
„Du!“
Er rutschte auf seinem Platz weiter runter.
„Du“, sie riss sich mit beeindruckender Kraft von dem Wärter los und preschte durch den Wagen auf Nathanael zu. „Verräter! Mörder!“
Der Wärter zog sie zurück, schmiss sie auf den Boden und knüppelte auf sie ein. Dann zog er sie an ihren langen weißen Haaren wieder auf die Füße und brachte sie ganz nach vorne auf einen Platz.

Ein Viper kam als nächstes und Nathanael blieb in seiner geduckten Haltung. Doch kein Glück, der Wärter führte den Schlangenmann auf Platz 8B, so dass er mehr oder minder in Nathanaels Rücken Platz nahm.
„Moin“, sagte der Viper-Mann.
„Moin“, entgegnete Nathanael.
Stille. Dann ging der Wärter wieder und holte den nächsten Passagier an der Tür ab. Nathanael wollte hinausschauen, doch da zischte ihm etwas ins Ohr.
„Du verkacktes kleines Laborexperiment hast uns alles kaputt gemacht.“
Es lief ihm eiskalt den Rücken runter. Als er nach links schaute, saß der Viper-Mann noch immer auf seinem Platz, doch seine gelben Augen fixierten Nathanael als sei er eine Maus.
„Verzeihung?“
„Ja, nichts Verzeihung, du bist Schuld, dass ich hier bin!“
Der Kopf des Gnoms erschien wieder im Gang, seine Nase blutete nicht mehr, auch die Nymphe reckte ihren dürren Hals, so weit sie konnte.
„Ich glaube, du verwechselst mich“, bot Nathanael an.
„Ich glaube, du wirst keine Stunde im Gefängnis überleben, Kleiner. Du bist fällig.“
Am meisten störte Nathanael in diesem Moment, dass Viper ihn „Kleiner“ genannt hatte. Einen 1 Meter 80 großen Werwolf als „klein“ zu bezeichnen, schien unangebracht. Mehr und mehr Wesen kamen in den Bus. Die Nymphe empfand es als persönliche Pflicht, jeden Einzelnen vollzulabern, auf Nathanael zu zeigen und zu fluchen. Viper zischte, wann immer Nathanael drohte, ihn zu vergessen.

Der Platzzuweiser-Wärter brachte eine junge Frau hinein, die er auf Platz 7A setzte. Dann setzte er sich auf die hinterste Bank des Busses, das Maschinengewehr treu an seiner Seite. Vorne passierte dasselbe und ein Busfahrer in Schutzweste startete den Wagen.
Sie rüttelten los, die Gitterstäbe an den Fenstern klirrten. Nathanael schaute zu der Frau auf Platz 7A. Ihre Haare waren pechschwarz und ihre Haut bleich. Fehlten nur noch die roten Lippen und Nathanael hätte sie für Schneewittchen gehalten.
„Ja?“, fragte sie plötzlich.
Sie schaute noch immer starr nach vorne.
„Äh, hallo“, sagte Nathanael.
Viper zischte.
„Warum bist du hier?“, fragte sie und schaute ihn an.
„Hat die Nymphe es dir nicht gesagt?“, fragte er.
„Die kleine Zicke? Wenn die redet, dann höre ich nur Wellenrauschen.“
„Oh, naja, ich bin hier, weil ich in etwas verwickelt wurde.“
Sie rutschte näher an den Gang heran. Ihre zierliche Statur machte es möglich, die Ketten weiter zu dehnen. Auch Nathanael nutzte die volle Beweglichkeit aus und platzierte so eine Arschbacke auf Sitz 7C.
„Spiel nicht rum, wir sitzen hier alle im selben Boot.“
„Im selben Bus, eigentlich“, sagte Nathanael.
„Er ist nicht wie wir!“, sagte der Viper und streckte seinen Kopf in den Gang. „Er ist unnatürlich!“
Seine Zunge schnellte hervor, gespalten, lang und ekelig. Grüne Venen pulsierten unter seiner Haut. Schneewittchen schaute zwischen den Sitzen zurück und sprach so leise, dass Nathanael nichts verstand. Dann machte sie Anstalten, sich in den Gang zu lehnen. Viper war schneller, streckte den Kopf raus und sofort tauchte der Wärter auf und verpasste ihm eins mit dem Knüppel.
„Wie heißt du?“, fragte Nathanael.
Der Wärter saß wieder auf seinem Platz, Viper kauerte am Fenster.
„Ist das wichtig?“, fragte Schneewittchen.
„Vielleicht. Warum bist du hier?“
„Ich habe zuerst gefragt.“
Nathanael zögerte. Zu verlieren gab es nichts, er saß bereits in einem Bus auf dem Weg in ewige Gefangenschaft. Hinter sich hatte er eine Tortur von Fragen, Anschuldigungen und Schlägen. Doch diese Frau war so schön, was, wenn seine Geschichte sie verschreckte?
„Es ist kein schöner Grund“, sagte er.
„Welcher Insasse hat schon einen schönen Grund?“
„Ich würde behaupten, dass die meisten hier eigentlich keine Verbrecher sind. Sie sind hier, weil sie Humanoide Semi-Bürgerliche Lebensformen sind.“
„Dümmster Name aller Zeiten“, sagte Schneewittchen.
Sie lächelte und er lächelte auch.
„Mein Name ist Nathanael“, er wartete, ob sie vielleicht mit ihrem eigenen Namen antworten würde. „Ich bin Werwolf. Ich habe meinen Boss getötet.“
„Deinen Boss?“
„Ja, ich habe für einen Mann namens Conan gearbeitet, der in meiner Heimat das Drogengeschäft kontrollierte. Er hat mich von meinen Erzeugern gekauft, großgezogen und stark gemacht.“
Sie fuhren auf die Autobahn. Die Gitterstäbe ratterten noch immer laut genug, die Wärter fanden kein Interesse an seinem Gespräch mit Schneewittchen.
„Eines Tages bekam ich von ihm den Auftrag, ein junges Mädchen unschädlich zu machen. Sie war eine Hexe, die zu oft von Kameras erwischt worden war. Wir mussten sie aus dem Verkehr ziehen, um zu verhindern, dass HSB-Lebensformen entdeckt werden. Conan begleitete mich und wir fanden sie im Schrebergarten ihres Großvaters. Sie lernte dort Zaubersprüche, die mickrigen Hecken verdeckten das kaum. Ich glaubte, wir würden sie mitnehmen, vielleicht bewusstlos schlagen müssen. Doch dann sagte Conan, wir dürfen kein Risiko eingehen und erschoss sie.“
Schneewittchen lächelte.
„Da hast du Conan getötet“, vermutete sie.
„Es fühlte sich an wie ein Reflex. Bis zu diesem Tag hatte ich mich nur unter strenger Aufsicht verwandelt, immer mit einem Gegenmittel zur Hand. Doch als diese kleine Hexe vor mir verblutete, sah ich rot. Ich verwandelte mich und tötete Conan. Danach rannte ich mitten durch die Gärten, bis ich an den Bahnschienen fast von einem Zug erfasst wurde. Er machte eine Vollbremsung und mehrere Menschen wurden verletzt.“
„Ich erinnere mich“, sagte Schneewittchen.
„Ja, die Bilder gingen um die Welt. Danach wurden wir alle nach und nach entdeckt. Also, falls du hier unschuldig sitzt, dann ist das wahrscheinlich meine Schuld.“

Sie lächelte noch immer. Dann schaute sie über den Rand des Sitzes nach hinten, um sich zu vergewissern, dass der Wärter nicht auf sie achtete. Sie zeigte ihre Hände und Nathanael staunte nicht schlecht, als sie sich plötzlich in Luft auflösten.
„Du bist ein Geist?“, fragte er.
„Ja, aber in diesen Handschellen ist das nicht viel wert, ich müsste mir schon eine Hand abhacken, damit ich freikomme.“
„Das wäre eine ziemliche Sauerei“, scherzte Nathanael.
„Davon gehe ich aus.“
„Aber warum bist du hier?“
„Oh, ich wurde als Teil einer Räuberbande verhaftet“, sie zog ein Messer aus ihrem Ärmel, ganz ruhig und besonnen.
Ihre wieder-erschienenen Hände verkrümmten sich und sie schnitt sich mit dem Messer ins linke Handgelenk, genau unter der Handschelle. Nathanael schaute nur zu, dann sprach Schneewittchen wieder.

„Es ist schon witzig, weißt du“, sie erreichte den Knochen, „dass ich für einen lächerlichen Taschendiebstahl hier gelandet bin. Als ich noch für die Regierung gearbeitet habe, da habe ich viel Schlimmeres getan. Mein letzter Auftrag zum Beispiel“, sie übte mehr und mehr Druck aus und ihr linkes Handgelenk hing nur noch an Fleisch und Haut, „da sollte ich eine junge Hexe töten, damit sie nicht in die Hände eines Drogenbarons fällt. Ein einfacher Job, wirklich, denn die einzigen beiden Zeugen, sind danach entweder tot gewesen oder vor einen Zug gelaufen.“
Die Hand fiel in ihren Schoß.

– Vitani S.

Kommentare

  1. lunaewunia

    Mir gefällt die Geschichte sehr gut. Ich lese leider kaum Fantasie, es fällt mir allg schwer in ein Genre rein zu kommen, einfach, weil man eine Weile braucht, um zu sehen, was dort gut und was Schlecht ist… ^^ aber deine Geschichte hat es mir echt angetan! Ich finde diese Wendung einfach klasse, auch, dass dann einfach Schluss ist und der Leser damit allein gelassen wird, der Rest sich also im kopf abspielt. Find ich supi^^ ich bin mir nur mit dem Titel der geschichte etwas unsicher, also mir persönlich scheint er nicht so gut zum Inhalt zu passen… Ist aber auch das einzige was ich anzumerken hätte 😉 einen schönen Tag wünscht Luna <3

    1. vitanischreibt

      Liebe Lunaewunia,

      vielen Dank! Offene Enden funktionieren meiner Meinung nach aber auch wirklich nur bei Kurzgeschichten- wenn mir das ein Autor bei einem Roman antut, dann lässt mich das immer ziemlich unglücklich zurück :O

      Und der Titel ist auch mehr ein Arbeitstitel. Hast Du einen besseren Vorschlag, dann gerne her damit 🙂

      Liebe Grüße

      1. lunaewunia

        Och, es kommt immer ganz auf den Roman an, muss ihn sagen. Ich bin da aber auch hart im nehmen… Selbst, wenn der Autor mich mit seinen Entscheidungen quält… Solange ich erkenne, dass es für die geschichte notwendig war, finde ich es genial^^

        Ich wäre wohl ein Anhänger der einfachen und Banalen Lösung und würde so etwas wie „Im Bus“ nehmen XD nicht sehr einfallsreich 😉 oder versuchen eine Andeutung auf den geist zu machen, doch das ist recht schwer… ^^

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