Fluch und Segen: Wenn man Ahnung hat

„Äh, also ich guck einfach nur den Film und dann ist er wieder vorbei.“– Aussage einer Kommilitonin vor einigen Jahren.

Kontext: Wir befanden uns in einem Soziologieseminar zum Thema Filmsoziologie. Ein relativ junges und spärlich erforschtes Feld, das mich aber hellauf begeistert hat. Weniger begeistert, viel mehr schockiert, war ich, als ich erfuhr, dass 90% des Kurses so dachten wie diese Kommilitonin. Während ich von Produktionsabläufen, Budgets, Marketing, Intention des Autors und Rezeption sprach, dachten die meisten zunächst nur an Transformers, Johnny Depp und Los Angeles.

Ich wurde wie ein Fremdkörper begutachtet, weil ich Filme nicht als „cool“ oder „uncool“ bezeichnete. Transformers steht für mich für Michael Bay und seinen Sexismus, sowie unglaublich schwaches Storytelling, das trotzdem funktioniert. Johnny Depp, der hat Fluch der Karibik seinen Stempel aufgedrückt, indem er die Performance des Captain Jack Sparrow ins Absurde trieb. Los Angeles ist ein Ort für gescheiterte Träume und die meisten Filme werden längst an anderen Orten wie beispielsweise Kanada produziert.

Ein Einschub: Soziologiestudenten sind auch sehr speziell. Sozialwissenschaftlerinnen und Soziologinnen (überwiegend weibliche Personen sind eingeschrieben), erfüllen nach meiner Erfahrung sehr oft das Klischee, das sie fleißig sind und gut auswendig lernen, aber scheitern, wenn es um kreative Gedanken geht. Eigene Gedanken. Bitte nicht hassen, nicht alle sind so, aber es ist wichtig zu erwähnen, dass ich wohl auch eine sehr spezielle Gruppe um mich herum hatte. Außerdem gab es tatsächlich noch circa 3 Leute, die eine ähnliche Sprache sprachen wie ich (zwei davon allerdings männlich).

Was möchte ich damit nun sagen? Ganz einfach, das Wissen über Plots, Strukturen und die Industrie, sei es Film- oder Literaturindustrie, verändert einen Konsumenten massiv. Einerseits verbessert es das Erlebnis, denn wenn man einen guten Film sieht oder ein gutes Buch liest, dann weiß man, was daran gut ist. Man lernt davon. Auf der anderen Seite, bin ich persönlich zu einem Mäkelkopp geworden.

„Nein, nein, nein!“

„Was hast du, war doch ein guter Film?“

„Ja, aber er hätte so viel BESSER sein können, wenn…“

Und ja, hin und wieder macht das die Erfahrung kaputt. Doch zum Glück besteht die Welt nicht nur aus dem Soziologiekurs von vor drei Jahren. Ich habe Freunde, mit denen ich mich vorzüglich über Filme streiten kann und das Internet bietet ohnehin zahlreiche Reflexionsmöglichkeiten. Also bleibt es ein Fluch, da ich eine Geschichte nie mehr neutral betrachten kann und ein Segen, da ich von Büchern und Filmen noch ewig etwas habe, während andere Zuklappen oder Aufstehen und keine Ahnung haben, was sie mit dem gerade erlebten anfangen sollen.

-Vitani S.

 

PS: Dank eines sehr guten Dozenten und eines produktiven Wochenendes (Blockseminar) sind viele Menschen (ich übrigens auch) mit neuen Erkenntnissen aus dem Kurs gegangen.

Interessant: Rainer Winter zur Filmsoziologie

Kommentare

  1. lunaewunia

    Mir geht es tatsächlich auch so, dass ich mir manchmal wünsche, dieses film denken, wie du es auch betreibst, ausschalten zu können. Eben einfach nur einen auch mittelmäßigen film absolut feiern zu können, weil er irgendwie unterhaltsam ist. Aber eig bin ich auch ganz froh, Filme anders zu betrachten. Es gibt einem so viel mehr… Und ich finde es hilft auch beim Buch schreiben! Zudem ist es Titel interessant, sich über unterschiede im storytelling zwischen Buch und Film zu unterhalten. Mein bester Freund fängt an, eigene Filme zu drehen und wir unterhalten uns gerne darüber, welche Story als Buch und welche als Film funktionieren würde ^^

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