Die eine Sache, die jeder Introvertierte verstehen muss

mythos extraversion

Viele Introvertierte verbringen Jahre damit, zu akzeptieren, dass ihre Persönlichkeit in der Gesellschaft als

extrovertiert besser

suboptimal betrachtet wird. Akzeptiert er oder sie es dann, muss eben eine neue Art und Weise her. Mehr Freunde, mehr Aktivitäten, mehr reden.

Wer hier auf dem Blog unterwegs ist, weiß, dass ich davon nicht viel halte – Introversion ist nichts, was man überwinden muss. Wir können nicht einfach abstellen, dass uns lange Tage mit vielen Menschen die Energie rauben. Genauso wenig können wir uns zwingen, plötzlich Spaß an Smalltalk zu haben.

Das Ideal der Extraversion und wie es entstanden ist

In der Bibel der Introvertierten Still beschreibt Susan Cain gleich zu Beginn, wie unsere westlichen Gesellschaften sich im frühen 20. Jahrhundert wandelten. Wo einst Tugenden wie Ehrlichkeit und Charakterstärke geschätzt wurden, entstand der Hype um die Selbstdarstellung.

Willst du reich werden, musst du dich verhalten, als wärst du schon reich. Willst du attraktiv wirken, musst du so tun, als wärst du selbstbewusst und unfehlbar. Willst du als schüchterner Mensch Erfolg haben, sei halt nicht mehr schüchtern.

Das berühmte „fake it till you make it“-Prinzip entstand. Hier wird mehr Wert darauf gelegt, wie sich jemand präsentiert als darauf, welche Fähigkeiten und Eigenschaften er oder sie eigentlich tatsächlich mitbringt. Der Schein ist wichtiger als das Sein.

Ich habe die Problematiken, die für introvertierte Menschen aus diesem Wandel entstanden sind, bereits in einem extra Beitrag beschrieben. Daher hier nur eine Zusammenfassung: Da wir Introvertierten viel Wert auf Substanz und Echtheit legen, fällt es uns schwer, uns zu verstellen oder andere zu verstehen, die scheinbar keine festen Werte haben.

Charakterstark oder Selbstdarsteller?

Aber warum glauben wir ausgerechnet diesen Menschen dann, wenn sie uns sagen, wie ein guter Charakter oder erfolgreiches Verhalten auszusehen hat?

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Mythos Extraversion

Wir sind uns wohl alle einig, dass es laute und bunte Menschen in unserer Gesellschaft einfacher haben – beziehungsweise als Ideal betrachtet werden. Sonst würden wir nicht ständig Sätze hören wie:

  • „Geh doch mal ein bisschen aus dir heraus!“
  • „Du bist immer so still.“
  • „Du müsstest nur mehr unter Leute gehen, dann…“
  • „Gruppenarbeiten sind toll!“

Doch woher kommt der unbedingte Drang, die ruhigen Menschen zu weniger ruhigen Menschen zu erziehen? Wir gehen alle demselben Mythos auf dem Leim.

Das wird jedem bewusst, der sich Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari greift und ein paar Seiten liest. Nur ein paar Seiten, weil die gemeinsamen Mythen bereit sehr früh erklärt werden.

(Lest aber unbedingt das ganze Buch, es ist nicht zufällig zum weltweiten Bestseller geworden)

Damit unsere Gesellschaft, die viel zu schnell, viel zu groß geworden ist, funktionieren kann, müssen wir alle an bestimmte Dinge glauben. Doch Achtung, es geht nicht um den Glauben im Sinne des Gottesglaubens.

Einige Beispiele für moderne Erzählungen, an die wir glauben und die unsere soziale Ordnung aufrecht erhalten:

  • Geld
  • Menschenrechte
  • Schutz von Kindern
  • Wachstum ist gut

Wir glauben, dass Geld einen fiktiven Wert hat, der so stabil bleibt, dass wir ihn gegen Waren oder Arbeitskraft eintauschen können. Jeder Mensch hat Rechte, die ihm nicht genommen werden können. Kinder verdienen besonderen Schutz. Wenn die Wirtschaft wächst, geht es dem Volk gut.

geld existiert nicht

Der ein oder andere wird schon bemerken, dass diese Thesen nicht zu 100 Prozent aufgehen. Menschenrechte werden verletzt und Depression und Unzufriedenheit nehmen in einem Land wie Deutschland zu, obwohl es der Wirtschaft gut geht.

Trotzdem glauben wir grundsätzlich an die Existenz bestimmter Regeln und Werte, die dafür sorgen, dass wir uns davor scheuen, ihnen zuwider zu handeln. Und da das fast alle Menschen tun, nehmen wir sie mit der Zeit als Fakt war, obwohl sie gar nicht physisch greifbar sind.

Gleiches passiert mit unseren Vorstellungen vom Idealmenschen, an dem sich alle orientieren sollen. Gute Redner sind häufiger im Fernsehen zu sehen als schlechte. Attraktive und selbstbewusste Männer fallen im Club mehr auf als ruhige. Frauen mit fröhlicher Persönlichkeit gelten als freundlich und werden durch den Halo-Effekt mit Vorteilen versehen.

Erzählen wir uns nun oft genug, dass Extraversion – viel unterwegs sein, viel reden, viele Leute kennen – zu mehr Erfolg und mehr Glück führt, dann glauben wir irgendwann daran. Der Mythos der Extraversion entsteht.

Mythen neu verstehen

Nicht alle idealisieren extravertierte Menschen. Gerade wir Introvertierten meiden sie häufig sogar oder verbringen nur begrenzt Zeit mit ihnen. Manchmal weil uns bewusst ist, dass sie sich stark von uns unterscheiden, manchmal weil wir einfach überfordert sind.

Doch so viele verinnerlichen auch, was der Mythos uns erzählt. Wir glauben daran, dass wir minderwertig sind, weil wir auf lauten Partys keinen Spaß haben. Etwas stimmt mit uns nicht, weil wir nach einigen Minuten Smalltalk am liebsten unter einen Stein kriechen würden. Wie können wir es wagen, lieber ein gutes Buch zu lesen, als mit Freunden etwas essen zu gehen?

introvertierte lesen gerne

Daher hier die Nachricht an alle Introvertierten: Fallt dem Mythos nicht zum Opfer! Es gibt keine Regeln, die besagen, dass nur Extravertierte erfolgreich sind (hier ein paar Gegenbeispiele: Introvertierte Promis). Es ist nicht besser, wenn man 200 Freunde hat im Vergleich zu 2. Ein ruhiges Verhalten muss nicht überwunden werden – egal, was uns die Bewertungen auf unseren Schulzeugnissen gesagt haben.

Wann immer ich das Gefühl habe, ich wäre besser dran, wenn ich offener und energiereicher wäre, erinnere ich mich daran, dass die Regeln gar nicht existieren, die wir uns selbst auferlegen*. Ich wünschte nur, das hätte ich bereits vor 10 Jahren gewusst, dann wäre ich dem falschen Ideal nicht so lange hinterher gelaufen. Aber man lernt nie aus.

*Achtung, ich meine Regeln dazu, was uns Menschen angeblich ausmacht. Menschenrechte, Gesetze und die 15.30Uhr-Konferenz in der Bundesliga halte ich für notwendige Mythen.

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