Du kannst an den reichsten, den schönsten, den beliebtesten Menschen der Welt denken – und nicht genau wissen, ob dieser Mensch nicht insgeheim glaubt, ein wertloser Betrüger zu sein. Für Betroffene ist es eine Last, für Nicht-Betroffene klingt es völlig verrückt – das Hochstapler Phänomen.
Was ist das Hochstapler Phänomen?
Machen wir es uns einfach und beginnen mit einer Definition:
„Das Impostor-Phänomen, teilweise auch Impostor-Syndrom, Hochstapler-Phänomen oder Hochstapler-Syndrom genannt, ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene an massiven Selbstzweifeln hinsichtlich eigener Fähigkeiten, Leistungen und Erfolge leiden und glauben, dass sie anderen vorgemacht haben, sie seien kompetenter, als sie es tatsächlich sind – obwohl es eindeutige Beweise für ihre Kompetenz gibt.“ – Wikipedia
Packen wir das mal in einen praktischen Kontext.
Szenario 1: Du musst einen Vortrag halten, fängst aber zu spät an, ihn vorzubereiten. Also kopierst du nur ein paar Absätze zusammen, liest einmal drüber und trägst das Ganze vor. Wenn der Applaus oder die positiven Rückmeldungen kommen, kannst du damit nichts anfangen. Du weißt ja, da steckt wenig Eigenleistung drin. Und es kann gut sein, dass jeden Moment rauskommt, dass du nur abgeschrieben hast. Du fühlst dich nervös, als würdest du das positive Feedback nicht verdienen und als hättest du etwas falsch gemacht.
Szenario 2: Du musst einen Vortrag halten und fängst rechtzeitig an, ihn vorzubereiten. Du recherchierst, machst dir Gedanken, arbeitest hart daran, den Vortrag nicht zu langweilig wirken zu lassen und gleichzeitig fachlich einwandfrei zu arbeiten. Wenn der Applaus oder die positiven Rückmeldungen kommen, kannst du damit nichts anfangen. Du hast nicht genug Eigenleistung eingebracht, immerhin basiert ja doch alles auf den Ideen anderer. Das wird auch jeden Moment jemand erkennen und dich vor versammelter Menge bloßstellen. Und falls das nicht passiert, dann nur, weil du die Menschen so gut getäuscht hast. Irgendwie hast du sie davon überzeugt, dass du richtig gute Vorträge schreibst und vorträgst, obwohl du, wenn überhaupt, maximal durchschnittlich bist und beim nächsten Mal bestimmt viel schlechter sein wirst.
(PS: Diesen Artikel gibt es auch als Video auf dem Wanderlust Introvert YouTube Kanal: https://youtu.be/gPpuoZhEIXg?si=9fLKcwNk6nN6ZZ0e)
Die allermeisten Menschen wissen, wie es sich anfühlt, wenn man unvorbereitet in eine Situation geht und damit durchkommt. Nur wenige wissen, wie es ist, wenn man tatsächlich gut vorbereitet ist, sich aber extrem unwohl fühlt und glaubt, mit etwas durchgekommen zu sein, obwohl man nur Lob und Bewunderung erhält. Alle sagen, du hast einen guten Job gemacht, doch du weißt es besser. Deine Leistung gehört nicht dir und bald werden das auch alle verstehen.
Das ist selbstverständlich zutiefst irrational. Aber so fühlt es sich in den Moment nicht an.
Das Hochstapler Phänomen betrifft per Definition nur Menschen, die wirklich kompetent und einsatzbereit sind. Deshalb ist es auch so schwer für Außenstehende zu verstehen: Es betrifft eben nicht die faulen, erfolglosen Betrüger und Nichtsnutze, es betrifft vor allem diejenigen in unserer Gesellschaft, die wir schätzen und oft sogar feiern. Der fleißige Kollege, der beste Freund, der Lieblingskünstler.
Folgende Menschen haben öffentlich über ihre Erfahrung mit diesem Gefühl gesprochen: Neil Gaiman, Michelle Obama, Tom Hanks, selbst Albert Einstein bezeichnete sich selbst einmal als „unfreiwilligen Schwindler“. Die Ironie ist, dass mehr Erfolg nicht bedeutet, dass man sich nicht mehr als Hochstapler fühlt – im Gegenteil, plötzlich steht so viel mehr auf dem Spiel und bald, jeden Moment, wird alles zusammenbrechen.
Das Hochstapler Syndrom kann niemals von außen gelöst werden, denn die Ursachen liegen in einem Selbst.
Während viele Menschen in ihrer Lebenszeit lernen, stolz auf ihre Leistung zu sein und dass sie mit Erfolgen und Misserfolgen klarkommen müssen, bleiben Betroffene mit Hochstapler Syndrom innerlich stehen. Sie bilden sich weiter, arbeiten an sich selbst und wollen unbedingt besser werden – und das geschieht auch. Sie machen oft Karriere, erhalten Anerkennung von ihrem sozialen Umfeld und gewinnen Preise oder sammeln Auszeichnungen. Aber es ist nie gut genug. Wann immer ihnen etwas gelingt, finden sie eine Ausrede, warum es ihnen eigentlich nicht zusteht. Oder sie sorgen sich, dass ein Fehler gemacht wurde. Ein kollektiver Sekundenschlaf hat verursacht, dass sie nun geschätzt werden.
Du kennst sicherlich die Leute, die nie an irgendwas schuld sind. Sie passen beim Ausparken nicht auf und rammen ein Auto – aber das Auto hätte sich doch auch einfach mal in Luft auflösen können. Wieso war der andere Fahrer überhaupt im Auto unterwegs? Wieso stand die Karre da rum? Bestimmt ist der andere gerast oder war betrunken! Oder sie kümmern sich nicht um eine wichtige Sache auf Arbeit und wenn es jemand anspricht, dann waren es die Kollegen oder so wichtig ist es gar nicht oder die Sonne hat an dem Tag zu doll geschienen und warum redet keiner über den anderen Kollegen, der auch mal was falsch gemacht hat?
Das Hochstapler Syndrom dreht das um. Jemand hat ein Projekt auf Arbeit trotz fehlender Unterstützung komplett allein durchgeboxt und dabei alles richtig gemacht. Naja, aber hätte ja auch jeder andere gekonnt und am Ende ist derjenige ja auch auf den Arbeitsplatz angewiesen und andere hätten es bestimmt sogar schneller oder besser gemacht.
Jemand haut am vollbesetzten Tisch einen Witz raus, bei dem einer vom Stuhl fällt vor Lachen und einem anderen die Cola aus der Nase schießt – aber das lag bestimmt nur an der Grundstimmung und morgen werden die Leute den Witz auf einmal gar nicht mehr so witzig oder vielleicht sogar peinlich finden. Und bestimmt hat den jemand anderes auch schon mal erzählt.
Qualifikationen, Einsatz und der eigene Wert stehen für Menschen mit Hochstapler-Syndrom permanent auf dem Spiel.
Für mich persönlich, fühlt es sich so an: Wenn ich etwas nicht schaffe oder etwas nicht gut bei meinen Mitmenschen ankommt – ein Video, ein Buch, eine Aussage – dann bin ich persönlich gescheitert. Ich habe mich nicht genug angestrengt und hätte lieber gar nichts tun sollen.
Wenn ich allerdings etwas schaffe oder etwas gut bei meinen Mitmenschen ankommt, dann ist das maximal okay, ausreichend, nur das Mindeste, was es zu erreichen galt.
Ich komme also nie in die Phase der Freude oder des Stolzes und wenn ich doch mal ein zwei Schritte in diese Richtung mache, kommt oft die Handbremse und die Wendung, denn habe ich möglicherweise irgendwo abgeschrieben? Sind die Menschen, die meine Arbeit mögen überhaupt ehrlich? So besonders war das nicht, was ich kreiert habe und dass ich überhaupt stolz darauf sein will, ist eindeutig ein Zeichen von Arroganz und Selbstüberschätzung. Wie peinlich von mir. Gleich werden alle erkennen, dass ich nichts kann und nichts bin.
Risikofaktoren
Es gibt ein paar Faktoren, die das Impostor Syndrome wahrscheinlicher machen. Dazu gehören Probleme mit dem Selbstwert und Hang zu Perfektionismus. Das ist ein Wechselspiel, denn der Selbstwert leidet natürlich noch mehr, wenn man Lob und Anerkennung nicht ernst nimmt.
Frauen und ethnische Minderheiten, also Menschen, die oft auf einen unveränderlichen Faktor hin reduziert werden, gelten als besonders anfällig für das Impostor Phänomen. Das liegt unter anderem daran, dass sie bei jeglicher Leistung ein kleines Sternchen* erwarten.
Oh, du weißt aber viel über Fußball … also für eine Frau. Oh, du bist aber fleißig in deinem Job … also für einen Ausländer. Oh, du bist aber anständig … also für einen Schwulen.
Da entsteht die Idee, dass man allein aufgrund seines Geschlechts, der Herkunft, der Sexualität oder sonstigen unveränderbaren Faktoren mehr leisten muss und unter besonderer Beobachtung steht. Das ist eine gelebte Erfahrung, aber eben auch eine, die man nicht immer bewusst wahrnimmt. Das schleicht sich über viele Momente in der Kindheit und Jugend ein, setzt sich fest und bleibt im Hintergrund ein Strippenzieher der Gedanken. Man ist einfach nie fertig damit, sich zu beweisen, und jederzeit kann jemand um die Ecke kommen und alles in Frage stellen.
Und um die Diskussionen mal zu beruhigen, noch bevor sie entstehen: Ja, auch ein weißer Heteromann kann betroffen sein, wenn er beispielsweise hört, dass er aber überraschend sensibel, rücksichtsvoll oder aufgeklärt ist … also für einen Mann.
Durch den heute kritischeren Blick auf Machstrukturen kann es gut sein, dass sich jemand als Mann so fühlt, als müsste er sich besonders beweisen – weil er eben seinen Job, seine Rolle als Partner oder seinen Künstlerstatus nicht geschenkt bekommen hat, sondern sich wirklich voll reinhängt. Das ist systematisch natürlich nicht annähernd so verankert wie die anderen angedeuteten Strukturen, aber wir reden hier ja auch über den persönlichen Umgang mit dem Hochstapler-Syndrom.
Da das Hochstapler Phänomen eben keine Krankheit oder fixe Diagnose ist, gibt es hier keine klaren Ursachen, für die man nun allgemeingültige Ableitungen machen könnte. Das Hochstapler Syndrom ist extrem persönlich und schwer zu begreifen. Man hat ein höheres Risiko dafür, wenn man viel nachdenkt und grübelt. Wer hingegen ständig in Bewegung ist und eine Erfahrung nach der nächsten sammelt, der verweilt eher nicht in Selbstzweifeln.
Genauso gibt es Menschen, die einfach ein sehr kleines Ego haben – und somit sind Misserfolge oder Kritiken an der Person kein Beinbruch. Andersrum sind diejenigen, die ein aufgebauschtes Ego haben, oft unfähig, Kritik überhaupt zu verstehen oder anzunehmen, also kommen sie gar nicht auf die Idee, dass sie nicht die obergeilsten Supermenschen sind.
Die Ironie an all dem ist, dass Hochstapler-Syndrom-Betroffene oft fest daran glauben, dass sie kurz davor sind, es richtig zu machen. Sie glauben meist gar nicht permanent, dass sie wertlos oder dumm sind. Das gibt es auch, klar. Aber viele sind eigentlich gerne in ihrem Beruf, haben Freunde und wirken völlig normal – nur sie haben den Dreh noch nicht raus. Wenn sie es nur beim nächsten Projekt, dem nächsten Gespräch, der nächsten Beziehung endlich richtig machen, dann endlich, haben sie es geschafft. Warum dieser Moment nicht kommt, darüber sprechen wir gleich noch.
Folgen
Die Folgen des Hochstapler Syndroms sind so individuell wie die Ursachen, und die Tragweite der Folgen hängt von der Intensität des Phänomens ab. Jemand, der unter Perfektionismus leidet, der hört wahrscheinlich die Komplimente seiner Mitmenschen kaum. Aber er kann schon noch einsehen, dass er sich anstrengt und die Arbeit einen Wert hat. Wer aber gleichzeitig noch unter Angst oder Selbsthass leidet, der wird nicht mal das anerkennen können. Während er gleichzeitig aber auch nicht aufgeben kann.
Depressionen können Ursache und Folge des Impostor Syndroms sein. Genau wie Angstzustände, Panikattacken oder Selbstverletzung. Auch Burnout ist logischerweise nicht weit, wenn man niemals gut genug zu sein scheint und dabei auch noch permanent Angst hat, dass man jeden Moment auffliegt. Jeden Moment werden all die Menschen, die dich für wichtig und kompetent halten, die Wahrheit herausfinden. Dass du gar nichts kannst und sie dich völlig falsch eingeschätzt haben. Man wird dich auslachen oder bemitleiden oder verlassen.
Immer dran denken: Jemand, der betroffen ist, hält sich nicht für ein Mitglied der fleißigen und kompetenten Gruppe. Obwohl so jemand Einsatz zeigt, Wissen und Fähigkeiten mitbringt und entsprechende Ergebnisse liefert, hält er sich für Teil der Versagergruppe. In Wahrheit ist so jemand ein Nichtsnutz, der andere einfach besonders gut täuschen kann.
Das kann zu Paranoia führen. Zu Misstrauen gegenüber den Mitmenschen. Zur Entfremdung von der Umwelt und dem Selbst.
Natürlich sind das nur die extremsten Folgen. Das Impostor Phänomen lässt sich als Spektrum begreifen, auf dem man auch nicht fest verankert ist. Es kann aufflammen, wenn viel Stress im Leben herrscht, und es kann sich legen, wenn man verständnisvolle Menschen in seinem Leben hat. Aber dass die Folgen so massiv sein können, macht es irgendwie echt problematisch, dass viele das Hochstapler Syndrom gar nicht kennen und somit auch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.
Was kann man dagegen tun?
Erst mal gucken wir, wo wir uns auf dem Spektrum befindet – es kann gut sein, dass du nicht durchdrehst oder depressiv wirst, aber schon Probleme damit hast, ein Lob einfach mal anzunehmen. Oder an Leistung zweifelst. Das kann ich dir aus der Entfernung jetzt natürlich schlecht sagen.
Eine ganz wichtige Erkenntnis dürftest du schon erlangt haben oder jetzt gerade in diesem Moment erlangen: Du bist nicht allein. Viele, viele Menschen aus allen Gesellschaftsschichten kennen das Gefühl. Und es ist eben nicht dasselbe wie einfach ein bisschen unsicher zu sein. Sich für einen Hochstapler zu halten, ist ein ziemlich spezifisches Gefühl, das so unfassbar schwer zu beschreiben ist.
Eine zweite wichtige Erkenntnis ist nicht ganz so schön: Das Hochstapler-Gefühl geht wahrscheinlich auch nie ganz weg. Und das ist okay. Die Hoffnung, dass du nur einmal, ein einziges Mal was richtig, richtig Gutes tun oder schaffen musst, und dann endlich wirst du gut genug sein und keine Sorgen mehr haben, ist leider eine haltlose Hoffnung.
Das Leben ist ein andauerndes Projekt und es gibt keinen perfekten Aha-Moment, der alle Hochstapler-Gedanken verschwinden lässt. Je mehr du dich auf diesen Aha-Moment versteifst, umso weniger offen bist du für die kleinen aber feinen täglichen Veränderungen, die dir helfen können. Es geht nicht darum, Selbstzweifel auszulöschen, es geht darum, die eingesetzte Energie – sei es in Beziehungen, auf Arbeit oder in der Kunst – anzuerkennen und dir selbst zu erlauben, stolz auf das Geleistete zu sein.
Könnte jemand anderes tun, was du gerade tust? Bestimmt. Aber macht halt keiner. Du hast gerade diesen Job, also machst du ihn so gut, wie du eben kannst. Du arbeitest gerade an einem Gedicht, an dem nur du arbeitest, also kannst auch nur du es so gut gestalten wie möglich. Deine Aufgabe ist es nur, das zu leisten, was du in diesem Moment leisten kannst. Du hast eine Aufgabe – ob du sie nun selbst gewählt oder auferlegt bekommen hast – und auch wenn du dir selbst vielleicht noch nicht glauben kannst, dass es gut wird, kannst du dir sicher sein, dass du dich anstrengst. Dass du die Sache ernst nimmst. Das ist erst einmal genug.
Du kannst froh sein, dass du diese Aufgabe hast und nicht jemand, der faul ist oder lügt oder sich nur bereichern will. Und wenn dir jemand dann sagt, dass du es super toll gemacht hast, ist es auch erst mal okay, wenn du es dir selbst in ein „Es ist gut genug“ übersetzt, bis du eines Tages lernst, ihm oder ihr wirklich zu glauben.
Und denk dran: Faule, betrügerische Menschen fallen nicht unter das Impostor Syndrome. Sie wollen gar nicht mehr leisten als nötig und wenn sie eine Abkürzung sehen, nehmen sie sie auch dann, wenn sie dafür andere verletzen oder übergehen. Sie haben keine Angst davor, entdeckt zu werden, sie sind geradezu stolz darauf, weiter zu täuschen und wer sie dabei erwischt, der ist entweder eine Petze oder ein Pedant.
Selbst wenn du nicht zufrieden mit deiner Arbeit oder deinem Verhalten bist – du hast ja Ansprüche an dich selbst. Das unterscheidet dich von wahren Betrügern.
Ebenfalls nicht unwichtig ist, dass du – wie du ja schon weißt, wenn du unter diesem Problem leidest – nicht in die Köpfe anderer Menschen hineinschauen kannst. Du machst dir wahrscheinlich oft Sorgen, dass sie dich kritischer sehen, als sie zugeben, oder nicht wirklich aufgepasst haben oder dich aus anderen Gründen besser behandeln, als du es verdienst.
Aber zur ehrlichen Einschätzung gehört dazu, dass sie ihre Gedanken und Gefühle haben dürfen und sollen und du nicht arrogant sein darfst. Arroganz ist, die Gefühle und Gedanken anderer Menschen umzudeuten oder sie ihnen sogar absprechen zu wollen. Wenn du das hässlichste Strichmännchen der Welt zeichnest und jemand findet, es ist großartige Kunst, dann ist das so. Dagegen kannst du gar nichts machen. Gerade bei Menschen, die du schätzt und respektierst, gehört es sich nicht, ihnen diese Einschätzung nicht zu erlauben.
Ich weiß, es ist ironisch, so etwas in einem Artikel über das Hochstapler Syndrom zu schreiben, aber: Wenn du glaubst, es besser zu wissen als die anderen Menschen, dann überschätzt du dich. So perfekt bist du nicht im Täuschen und Manipulieren. Du musst die Meinung nicht teilen und du musst dir selbst kein Lob oder Bewunderung aussprechen – aber du musst den Respekt vor deinen Mitmenschen haben, um ihnen zu glauben, dass sie dich schätzen und manchmal sogar bewundern.
Das ist aber nur die halbe Miete. Du musst dir natürlich irgendwann auch selbst mal glauben, dass du was auf dem Kasten hast. Ich würde da vorschlagen: Schreibe auf, was dich an diesen Punkt gebracht hat und was du alles geleistet hast. Du musst deine Arbeit – erst mal frei von einer positiven oder negativen Wertung – sichtbar machen.
Das ist kein Angeben oder so, das ist Daten sammeln und vernünftig sein. Keine Sorge, du sollst nicht arrogant werden, Bescheidenheit ist eine gute Sache. Ich werde dir nicht empfehlen, deine Arbeit, dein Kunstwerk, dein Hobbyprojekt durch die Gegend zu tragen und allen Menschen zu zeigen und dann zu sagen: Guck her, wie toll ich bin und was ich alles kann.
Meine Empfehlung ist, die geleistete Arbeit anzuerkennen und dann durchzuatmen. Wenn etwas fertig ist, entzieht es sich deiner Kontrolle. Das ist absolut fürchterlich und angsteinflößend, aber es ist auch ein Weg, um dem Strudel zu entkommen. Es wird nie perfekt sein. Du wirst nie perfekt sein.
Wenn dieser Artikel hier viel Zuspruch erhält, werde ich trotzdem hinterfragen, ob er nicht hätte besser sein können. Ich werde denken, irgendwo habe ich was sehr Dummes geschrieben, was bald jemandem auffallen wird. Der Fehler wird mich verfolgen und all die Menschen, die meine Inhalte schätzen, werden plötzlich extrem kritisch werden und all die anderen Fehler finden, die ich mache.
Denke ich so über die Inhalte anderer? Nope. Fehler sind menschlich.
Und Fakt ist, wenn ich warten würde, bis etwas perfekt ist, würde ich nie etwas veröffentlichen. Wenn ich meine Arbeit weiter machen möchte, wenn ich am Leben teilhaben möchte, muss ich die Möglichkeit akzeptieren, dass ich etwas richtig in den Sand setze. Und weil ich das anerkenne, hänge ich mich richtig rein. Ich gebe wirklich mein Bestes. Und wenn das dann jemand zu schätzen weiß und gut findet, sollte ich zuhören. Ich sollte akzeptieren, dass andere Menschen froh sind, dass ich mich so reingehängt habe. Es ist schwer, aber ich schulde es mir selbst, damit ich weitermachen kann. Die positiven Rückmeldungen ernst zu nehmen, ist ein Bauteil, das es braucht, um das Projekt meines Lebens zusammenzusetzen.
Eine Sache ist noch wichtiger als alles, was ich bisher gesagt habe: Wenn dich dieses Gefühl wirklich lähmt und schmerzt und unglücklich macht, dann kann ein Blogartikel vielleicht nicht mehr helfen. Ich habe mir viele Erfahrungsberichte und Hilfsvorschläge angeschaut und auch immer wieder Menschen gesehen, die keine nett gemeinten Tipps, sondern richtige Therapie brauchen. Wenn das Hochstapler Syndrom nur eines von vielen Problemen ist, dann muss man noch weiter graben und die tiefsten Wurzeln davon finden.
Wenn du bei meinen Vorschlägen denkst: Schwierig, schwierig, aber ich werde es mal versuchen, ist das in Ordnung. Wenn du aber denkst: Das bringt gar nichts, denn Jennifer macht ja wirklich gute Arbeit, während alles, was ich mache, in Wahrheit wertlos ist und diese Tipps deshalb nicht für mich wirken … dann hast du noch einen weiten Weg vor dir. Ist nicht schlimm, aber ich würde mir wünschen, dass du richtig in die Ursachenforschung gehst.
Bei mir spielt definitiv eine entscheidende Rolle, dass ich in der Vergangenheit gelernt habe, dass Menschen ihre Meinung über mich tatsächlich ohne mein Wissen komplett ändern können. Das ist eine Angst, die viele Menschen haben – oh, jemand antwortet nicht auf meine Nachricht, hab ich was Falsches gesagt? Oh, jemand hat keine Zeit für mich, mag die Person mich nicht mehr? Oh, ich hab letztens was Dummes gesagt, jetzt denken alle ständig darüber nach, wie dumm ich bin.
Ich weiß heute, dass es irrational ist, das ständig von allen zu erwarten. Aber es gab diese Erfahrungen bei mir, die nicht „nur in meinem Kopf“ waren. Obwohl ich mir in der Vergangenheit oft nichts zu schulden kommen ließ und mich reingehängt habe, drehte sich der Wind. Während ich dachte, alles wäre in Ordnung und meine Arbeit und mein Sein hätten einen Wert, sah das ein wichtiger Mensch in meinem Leben plötzlich nicht mehr so.
(Übrigens: Auch plötzliches, unverdientes Lob hat meine Sicht auf Leistung stark verzerrt.)
Ich lernte, dass jede Leistung ohne mein Zutun oder Wissen im Handumdrehen in Frage gestellt oder entwertet werden konnte. Es kam immer wie aus dem Nichts, also was bewahrt mich davor, wieder in diese Falle zu tappen?
Mich nervt es natürlich, dass ich Lob nicht einfachen annehmen kann. Ich muss mich aus diesen Gedanken dann immer wieder aktiv herausholen. Was echt nervt. Und nie vollständig verschwinden wird.
Aber ich kann es eben.
Wenn es für dich völlig unmöglich klingt, achtsam und bewusst Hochstapler-Gedanken zu untersuchen und zumindest zu dämpfen, dann ist hier das Ende meiner Hilfe erreicht. Und das ist völlig okay. Für dich und für mich. Ich muss keinen Artikel kreieren, der eine ideale Lösung für ein schwerwiegendes Problem schafft, das selbst Experten nicht voll verstehen. Wenn ich etwas Falsches schreibe oder kaum Leser finde, tut das weh, aber es ist nicht das Ende der Welt. Und es ist okay, wenn ich die Arbeit für durchschnittlich halte, aber jemand anderes sagt, dass ihm die Augen geöffnet wurden oder ich das total toll gemacht habe.
Und du musst dich nicht schämen, falls die Probleme tiefergehen und professionelle Hilfe nötig wird. Das überhaupt zu erkennen, ist schon etwas, was viele nicht schaffen.
Für Menschen, die helfen wollen
Jetzt noch ein Schlusswort an diejenigen, die diese Sorgen nicht haben, aber helfen wollen.
Ich weiß, für euch ist es wahrscheinlich oft offensichtlich, dass jemand gut in dem ist, was er tut, oder gut so ist, wie er ist. Aber das einfach noch mal zu sagen, ist bei Menschen mit Hochstapler Syndrom leider oft nicht genug. Und vor allem sollte man dabei nicht so tun, als wäre der andere Mensch blöd oder blind.
Und hey, das ist auch oft mein erster Reflex: Hey, du bist super, wieso siehst du das denn nicht? Guck, was du alles erreicht hast! Ist doch verrückt, dass du das nicht siehst.
Wenn ihr jemanden ein bisschen aus diesem Gedankenstrudel herausholen wollt, würde ich eher empfehlen, nachzufragen, was die Hintergründe sind. Wie lange hat jemand an einem Bild gearbeitet? Wie viele unterschiedliche Ansätze hat jemand für eine Präsentation durchdacht, bevor er sich für die finale Version entschieden hat?
Auch detaillierte Nachfragen können schön sein – ich mochte diese eine Zeile in dem Gesicht besonders gerne, was hast du dir dabei gedacht? Oder: Bei deiner Idee für dieses Projekt hast du was völlig Neues angesprochen, woran ich nie gedacht hätte, wie hast du das denn geschafft?
Mit diesen Nachfragen übernehmt ihr so ein bisschen die Arbeit, die ich vorher angesprochen habe – wenn der Mensch mit dem Hochstapler Syndrom sich seine Leistungen und seinen Einsatz aufschreibt und greifbar macht, kann das helfen. Indem man als Gesprächspartner auch woanders anfängt als beim Endergebnis, ist man sozusagen der Vorlagengeber.
„Hey, wow, du bist so toll und talentiert und ich liebe dein Arbeit“ ist ironischerweise oft weniger bedeutsam als „Man sieht, da steckt viel Arbeit hinter“ oder „Ich weiß noch nicht, was ich dazu denke, aber danke, dass du da bist.“
Eine weitere Option ist, seine eigenen Unzulänglichkeiten zu teilen. Viele Menschen mit Hochstapler Syndrom glauben, dass sie selbst extrem mit der Welt zu kämpfen haben, während viele andere sie praktisch „nebenbei“ meistern. Ob Arbeit, Kunst oder persönliche Beziehungen – alle kommen schon klar und der Hochstapler muss so viel Zeit und Energie investieren, um überhaupt normal oder durchschnittlich zu wirken. Dieses verfälschte Bild kann man ein wenig korrigieren, indem man teilt, dass man gestresst ist, mit einer Idee auf die Fresse geflogen ist oder mit einem Projekt einfach nicht zufrieden ist.
Am Ende muss klar sein, dass ihr nicht dafür verantwortlich seid, jemanden mit Hochstapler Syndrom „zu heilen“. Die Arbeit muss der Betroffene selbst leisten. Aber ich finde es schon mal schön, wenn ihr euch das hier überhaupt anhört, um die Betroffenen besser zu verstehen.
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Meine Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema sind selbstverständlich nicht allgemeingültig. Falls du dich in diesen Worten nicht wiederfindest, tut mir das leid. Gerne kannst du deine eigenen Gedanken ergänzen, wer weiß, vielleicht liest ja jemand mit, der sich dadurch gehört fühlt.
